Martin Walser. Die Zimmerschlacht

Drama bedeutet Kampf. Ein Ehedrama hat den Vorzug, daß dabei meistens bloß zwei Personen nötig sind - Mann und Frau. Es hat, wie das vorliegende, allenfalls den Nachteil, daß es, wie oft die Ehe selbst, ohne Fernsehen nicht abendfüllend sein kann.

 


   

Martin Walsers ZIMMERSCHLACHT ist ein Kammerspiel um einen Geschlechterkampf, dem aber im Gegensatz zu August Strindbergs Ehestücken jene Leidenschaft fehlt, aus der die Liebe sich zum Haß transformieren könnte. Dr. Felix Fürst und seine Frau Trude hassen sich nicht und lieben sich nicht mehr, und nach ihrem Scharmützel, bei dem der Mann statt Federn Schuppen läßt, finden sich die beiden Kontrahenten allzu rasch als Partner zu vereintem Vorgehn gegen ihren wahren Widerpart bereit: gegen eine Wirklichkeit, die als beleidigend empfunden wird, weil sie anders ist. Felix: "Wie zwei Hochverräter haben wir uns benommen." Trude: "Wir können uns das einfach nicht leisten."

Das Alltagsdrama Walsers vollzieht sich in einer Wohnung, in der sich zuviel angesammelt hat, "was man nur deswegen nicht weggeworfen hat, weil man nicht umgezogen ist", wie es in der Szenenanweisung heißt. Seit mindestens fünfzehn Jahren hat man den Ort nicht mehr gewechselt, seit neunzehn Jahren Ehe auch nicht den Partner. Was Wunder, wenn sich auch da zuviel angesammelt hat und das Leben zu zweit in all der Zeit wie stehendes Wasser geworden ist.

Fürst, Erdkundelehrer und ambitionierter Geologe, inmitten seiner Steine, will das Zimmer nicht verlassen, "was man radikal zuschließen kann" und was ihn abschirmt vom Draußen, das ihn verunsichert wie die Veränderung überhaupt. Geschichte hat der Erdkundelehrer abgestoßen. Nichts dient der Bewegung, alles der Konservierung des Zustands, obgleich er keine Befriedigung verschafft.

Die ZIMMERSCHLACHT ist ein Drama der Zuständlichkeit: Sie bleibt beim Alten, er bleibt bei der Alten. Was Felix und Trude noch in Bewegung bringt, kommt nicht mehr von ihnen selbst, sondern von draußen.

Draußen - das ist Benno. Der ganze Akt dreht sich im Grunde um diesen Benno, er ist der Gegenpol, an dem sich, gewiß, auch der interne Geschlechterkampf komisch-grotesk entzündet; doch der ist kalter Krieg und steht selbst noch in der heftigsten Phase zur Koexistenz wie zu einem Sakrament.

Freilich, da Felix und Trude unfähig sind zu verändernder Kraft, werden sie die ewigen Pyrrhussieger bleiben und sich daher immer wieder aufs Neue selbst bekriegen. Aber die eigentliche Schlacht entzündet sich trotz aller Charaktergegensätze am Gegensatz zwischen drinnen und draußen.

Benno ist der Gegenspieler von Felix: Durch ihn fühlt er sich beleidigt, ohne eine einzige tatsächliche Injurie zitieren zu können. Von Trude deshalb zur Rede gestellt, macht er unpräzise Ausflüchte. Was ist an Benno, das ihn so aufregt? Es ist nichts anderes, als daß der seine Frau Regina ins Reihenhäuschen "abgeschoben" und mit einem jungen Mädchen vertauscht hat.

Felix, der Unglückliche, möchte auch einmal tun, was sich nicht gehört. Aber, "gefangen im Gefäß der Person", ist er zu korrekt, um das richtige tun zu können, mehr noch, ihm ist zumeist die Sicht verstellt auf das, was er in Wahrheit möchte. Die insgeheim feindselige Haltung gegenüber Benno, dem Unkorrekten, ist zu affektgeladen, als daß sie nicht seinen Neid verraten müßte. Doch der Neid verleiht ihm nicht die Stärke, das zu erreichen, was er dem andern mißgönnt. Seine Energie reicht nur aus, um kleinliche Intrigen zu spinnen. Im Wunsch zu intrigieren entpuppt sich die pervertierte Energie des Geduckten, die statt auf eigene Veränderung auf die Schädigung des Beneideten hinzielt, doch auch nur dann, wenn keine Hindernisse den Weg blockieren. Der prüde Geograph würde gern aus dem Rahmen fallen: "Ach, Trudekind, laß uns den Rahmen sprengen." Er ahnt bisweilen, daß dieser Rahmen das Korsett der eigenen Ehe ist: In seinem Intrigenfädeln schlängelt sich die durch die Tätigkeit als Lehrer am Gymnasium mangelhaft sublimierte Triebkraft mißgeleitet ins Freie.

Es mag freilich sein, daß seine Libido nicht stark genug ist, um sich anders Bahn zu brechen. Vermißt er nicht eine Vierundzwanzigjährige erst im Augenblick, als Benno eine nimmt (während Trude schon seit zwanzig Jahren resigniert)? Es kann wohl nicht anders sein in einer Ehe, in der nach neunzehn Jahren die Gattin zum erstenmal auf dem Teppich liegt. Dr. Felix Fürst ist kein Rattenfänger, und die, die ihn am besten kennt, nennt ihn "eine ganz kleine Nummer." Er ist zu schwach, um seiner Frau treu zu bleiben und nicht stark genug, um sie zu betrügen.

Trude versucht, ihn sich durch präsumierte Weibergeschichten attraktiver zu machen; Felix versucht, Trude durch Schmuck aufzuwerten (nachdem er die "Neue" gesehen hat, gibt er diese Hoffnung auf). "Wir tun alles, was uns Spaß macht", schlägt er vor. Das gerade ist unmöglich, wenn man keinen Spaß mehr aneinander hat. Fernsehn als probates Mittel zur Konsolidierung ehelichen Zusammenlebens, Kamasutram oder Tango können da auch nicht mehr helfen, und selbst der Alkohol schafft keinen Rausch, wenn man ernüchtert ist.

In der ZIMMERSCHLACHT werden wir Zuschauer konjugaler Kampfmethoden eines Paares, das nicht unbedingt mit einander kämpfen will, aber dazu gezwungen ist, weil es aus Gewohnheit glaubt, zusammen bleiben zu müssen. Aber draußen liegt noch eine andersartige Realität, weiche Bedingung für den Kampf ist und Ausweg zugleich sein könnte: die, die Benno repräsentiert.

Die für Mann und Frau gleichermaßen fatale Verkettung von Sexualität und bürgerlicher Ehe und die damit sanktionierte Monopolstellung des Sexualpartners bilden den Rahmen, der gesprengt werden müßte. Die Ehe als sogenannte Keimzelle der Gesellschaft begünstigt in ihrem Dunstkreis offenbar das Entstehen einer ganz spezifischen Bewußtseinslage, führt in der Mehrzahl zur Resignation bei der Frau und zur Heuchelei beim Mann. So ist es bei Trude, so ist es bei Felix. Sie, die eigentlich über ihm steht und lieber öfter zu ihm aufschauen möchte, hat seit langem resigniert und faßt dies als Defekt der Schöpfung auf. Er ist verlogen, von niedrigerem Bewußtheitsgrad, und daß er ein ausgemachter Spießer ist, gibt seinem mit kleinlicher Komik geführten Kampf besonderes Gepräge. Er möchte eine Rolle spielen, die er nicht durchhält. Seine Gebärden sind aufgesetzt, und wenn er durchschaut wird, fühlt er sich beleidigt; wohingegen Trude in ihrem ohnehin domestizierten Geschlechtsleben seit langem keine Befriedigung mehr findet und ihren Unmut bisweilen an den empfindlichsten Punkten des Gemahls ausläßt: "E i n Mann, Felix, das ist nichts" (und sie hätte dazu gut Boccaccio zitieren können).

Glück oder Unglück einer Ehe hängen ab von den Vorstellungen, die sich die Beteiligten von ihr machen. Es ist zweifelhaft, ob die Institution des bürgerlichen Lebensbundes sich wandelnden Vorstellungen wird standhalten können. In einem Leserbrief an den Kölner Stadt-Anzeiger schlug vor kurzem ein Heilkundiger vor, der dumpf ertragenen Last der Ehe dadurch zu begegnen, daß man eine Ehe auf Zeit sittlich und rechtlich verankere. In einer Entgegnung empörte sich ein anderer Leser ähnlich, wie Felix Fürst sich über Benno empört: "Dann wird die Mutter abgeschoben, und der Herr Vater kann mit einem jungen Gänschen neu anfangen!" Nun, Martin Walser sagt in der ZIMMERSCHLACHT nicht, wie man es machen soll; er zeigt, ein wenig karikaturistisch zwar, wie es ist. Und dabei stellt sich einem am Ende unwillkürlich die Frage, ob - bloß zum Beispiel - die Mitglieder einer Kommune wirklich lächerlicher anmuten als das Heer solcher verbiesterter Eheleute nach dem Muster von Herrn und Frau Fürst. Doch trösten wir uns: Der ironische Untertitel der ZIMMERSCHLACHT wird noch lange Gültigkeit behalten: "Ein Übungsstück für Eheleute".

ECKHART PILICK

  In: Bühnen der Stadt Köln. Heft 7. Köln 1967/68