"Wir wurzeln in der Vergangenheit ..

und blicken in die Zukunft" heißt das Thema, über das ich als Motto der 150-Jahrfeier der freireligiösen Gemeinde Mannheim sprechen soll und über das ich am liebsten Math. 13,31 f. gestellt hätte, das Gleichnis nämlich vom "Senfkorn, welches das kleinste ist unter allem Samen, wenn es aber erwächst, siehe, so ist es das größte unter dem Kohl." Solange, bis unsere Minorität zum mächtigen Baum geworden sein wird, bleiben wir ruhig noch ein Strauch mit ein paar Dornen...

Zukunft ist das, was nicht vorausgesagt werden kann. Allein das Vergangene läßt sich, wenn es nicht dem Verdrängen anheimgefallen ist, überschauen. In ihr freilich zu beharren mag ebenso lebensfeindlich sein, wie sie zu vergessen. Sie kann dann zum Käfig werden und macht uns zu Gewesenen. Doch sie zu ignorieren ist dumm und gefährlich. Denn das Wesen des Menschen läßt sich nicht von seinem Gewesenen trennen. Das sind die Wurzeln, ohne die nichts wächst, und in denen die Kraft zur Erneuerung liegt, wenn die Blätter vom Hagel abgerissen werden oder im Frost erfrieren. Dann ernähren sie die Pflanze von unten auf und schicken vom Grund Wasser und Salze nach oben in die Zweige, speichern Vitamine und geben Halt. Auch ein Mensch ist nur standhaft und wird nicht wie das Sandkorn vom Wind nach belieben bewegt durch Trends und Ideologien, wenn sein Grundvertrauen in einer dem oberflächlichen Blick unsichtbaren Tiefe wurzelt.

Standfestigkeit ist das Gegenteil von Labilität und Opportunismus. Und dennoch klingt das Bekenntnis, in der Vergangenheit zu wurzeln, in unserer mobilen Gesellschaft heute eher nach Erstarrung als nach Erstarkung, eher nach Rückständigkeit als nach Beständigkeit. Oder nicht? Und in der Tat wird ja gelegentlich der Vorwurf laut, die Freireligiösen seien im 19. Jahrhundert stecken geblieben - merkwürdigerweise von jenen, die ihren Glauben aus dem 1. Jahrhundert herleiten ...

Wir wollen bewahren, was sich bewährt. Dazu gehört gewiß nicht der Personenkult um Ronge, dessen allseits bekanntes offenes Sendschreiben gegen den Wunderglauben ja gar nicht die Wurzel, sondern der äußere Anlaß der freireligiösen Bewegung gewesen ist und darüber hinaus selber Wunderglauben verrät. Oder ist die Ansicht, die Vernunft könne Richtschnur des Handels und der Frömmigkeit werden, etwa kein Wunderglaube? Und verdient die Tatsache, daß aus Ronges polemischem Protest gegen den Wunderglauben die erste und größte nicht-christliche Religionsgemeinschaft in Deutschland hervorgegangen ist, nicht selber ein Wunder genannt zu werden? Nein, die Wurzeln reichen tiefer ...

Es gibt Augenblicke im Leben, da heißt es: Veränderung oder Krankheit. Es gibt Augenblicke in der Geschichte, da heißt es: Reformation oder Revolution. Denn auch eine Gesellschaft kann krank werden. 1845 war ein solcher Zeitpunkt. Eine Reformation (so Annette Kuhn), wie sie die Freireligiösen wollten, hätte damals eine Revolution verhindern können. Und worin bestand sie? Nur in der Ablehnung des Ultramontanismus, der Hierarchie im allgemeinen und der Ohrenbeichte im besonderen und des obligatorischen Bekenntniszwangs? 

In der Forderung nach Gleichberechtigung und demokratischen Freiheiten?

Glaubensfreiheit war damals verfassungsmäßig schon garantiert. Allerdings bedeutete sie nur freie Wahl zwischen evangelisch und katholisch. Auch die Juden waren nur geduldet. Privatgottesdienste wurden uns ja auch genehmigt. 1846 setzten (und hier haben wir neben den aufgeklärten und weisen Katholiken wie dem Konstanzer Bistumsverweser v. Wessenberg ebenso der wahren Protestanten dankbar zu gedenken, die im badischen Landtag für unsere Sache gestritten haben) liberale Abgeordnete der Zweiten Kammer statt Glaubensfreiheit nämlich "Religionsfreiheit" durch, eine Freiheit also, die nicht mehr an die christliche Institution gebunden war! Zum ersten Mal in Deutschland wird ein Unterschied zwischen Religion und Kirche artikuliert und das friedliche Zusammenleben der Bürger höher bewertet als die Durchsetzung einer dogmatischen Heilswahrheit.

Friedrich Daniel Bassermann fragte in der zehntägigen hitzigen Debatte seinerzeit, was die Kirche denn fürchte, wenn den Freireligiösen die gleichen Korporations-Rechte eingeräumt würden, und rief:

Sie müßten blind sein, wenn Sie sich nicht selbst gestehen wollten, daß vielleicht dreiviertel unserer Staatsdiener im Herzen deutschkatholisch (freireligiös) sind*" Das war damals - aber ist es heute anders? Auch Heyer, der evangelische Theologe, sagt, daß im Volk viele unsere Überzeugung teilen, ohne Mitglied zu sein.

Bassermann sah in der legendären Debatte eine Gefahr im Fundamentalismus und der Indifferenz einer großen trägen Masse, gleichgültig gegen alles Geistige, die nichts Höheres kennt, als materiell zu genießen, die Kundschaft zu vermehren, Karriere zu machen, und glücklich ist, am Abend ihren sichern Sitz im Bierhaus zu finden. Das war damals - ist das heute denn so anders? Und nun muß ich den Mannheimer Abgeordneten wörtlich zitieren:

"In diesen Zustand hinein kam nun die neue religiöse Bewegung. Und was hat sie bewirkt? Eine gänzliche Veränderung der Gedankenrichtung in ganz Deutschland! ... Wie will man denn sagen, daß man das Sektenwesen begünstigen würde, wenn man die Deutschkatholiken duldete! Man sollte vielmehr in ihrer Lehre das Heil finden gegen alle Trennung, gegen das Auseinanderfallen in viele Sekten, und ich halte fürwahr den Gedanken, der hier zum erstenmal praktisch wird, für einen Wendepunkt in der Geschichte ... Mag die Zahl derjenigen, die sich zu (ihnen) zählen, noch so klein sein, mag man sie Christen nennen oder nicht - ich behaupte, daß sich von ihnen an eine neue geschichtliche Ära datiert".

So gut sind uns die hohen Erwartungen, die in die jungen Dissidentenvereine gesetzt wurden, nicht bekommen. Auch heute, wo man so nett zu uns ist und uns so großes Lob zollt, sollten wir bescheiden bleiben. (Mir jedenfalls geht's nach einer Geburtstagsfeier morgens meistens gar nicht so, wie man mir`s abends zuvor gewünscht hat ... ).

Aber da - im Glauben an die Einheit alles Lebendigen, im Gefühl, Teil einer schöpferischen Kraft zu sein, im Bewußtsein, daß die Erde unsere Heimat ist, in einem neuen Wertbewußtsein und neuen Denken (das schließlich die freireligiösen Badener und besonders Mannheimer zu den Führern der ersten demokratischen Bewegung und der 48er Revolution werden lassen sollte, was bisher verschämt verschwiegen wurde; deshalb habe ich den Akzent meiner Ausstellung im Reißmuseum darauf gelegt) liegen die wahren Wurzeln unserer Freien Religion...

Dieser "grenzüberschreitende Vitalimpuls"(Mynarek) ist die Wurzelkraft, die uns hält und treibt. Er hat dem Historiker Gervinus, einem der "Göttinger Sieben", einen Hochverratsprozeß in Mannheim eingebracht, weil er in seiner Geschichte des 19. Jahrhunderts meinte, daß eines Tages die Grenze von der Monarchie zur Demokratie überschritten werde. Er hat Malwida von Meysenbug die fürstliche Apanage bis ans Lebensende ausschlagen lassen, die ihr gezahlt worden wäre, wenn sie aus der Freien Gemeinde Hamburg ausgetreten wäre. Er hat den freireligiösen Prediger Eduard Baltzer die Nachteile und körperlichen Verletzungen, die Bestrafungen und Diskriminierungen aushalten lassen, die er erleiden mußte, weil er die Grenzen zwischen Tier und Mensch nur als graduell angesehen hatte und nicht glauben mochte, daß ein Gott nur den Menschen mit einer Seele aufgeblasen haben sollte. Er hat den Naturforscher Roßmäßler, dem Begründer des Leipziger Arbeiterbildungsvereins, dem Nestor des Naturschutzes, die Kraft gegeben, nach Berufsverbot und Hochverratsprozeß und drei Gefängnisstrafen wegen seiner demokratischen Gesinnung dem Richter ins Gesicht zu sagen: "Ich werde nach wie vor so reden, so schreiben, so handeln, wie es mir der Dienst der Humanität ... vorschreibt."

Und das war auch das wahre Ziel meiner Ausstellung im Reißmuseum, einige dieser Frauen und Männer, auf deren Schultern wir stehen, die für gleiche Bildungschancen und gleiche Rechte, kurz: für Demokratie und Selbstbestimmung so große Opfer gebracht haben - erschossen oder eingekerkert, enteignet oder ins Exil getrieben oder ins Elend gestoßen durch Berufsverbote wie beim Arzt Dr. Hammer, bei Prof. Schreiber - ich habe den Brief des Erzbischofs Hermann v. Vicari, in dem er den Großherzog untertänigst darum bat - oder durch gesellschaftliche Ächtung (freireligiös geschlossene Ehen Waren auf einmal ungültig, die Frauen waren Gefallene, ihre Kinder illegitim), der Vergessenheit zu entreißen. Wenigstens für einen Augenblick in der Geschichte, die ohne sie anders verlaufen wäre. Ist das alles Unwirksam, weil es Vergangenheit ist?

Nein, denn Wirklichkeit ist nicht allein das Sichtbare, sondern das, was wirkt. Und sie sind lebendig noch, die Wurzeln unserer Gemeinden, die in der Aufklärung gezeugt und im 19. Jahrhundert geboren wurden, Wurzeln, die aber bis Zu den "Brüdern und Schwestern des Freien Geistes" und anderen pantheistischen Gemeinschaften des Mittelalters zurückreichen.

Wir wollen Ketzer bleiben auch im nächsten Jahrhundert und trotz aller Rückschläge und Zickzackkurven des Fortschritts niemals aufgeben die Courage und unseren Humanismus. Das ist es, was wir aus unserer Vergangenheit lernen können ...

ECKHART PILICK 

Auszug aus der Festrede im Rosengarten am 26. März 1995 zur 150-Jahrfeier der Gemeinde Mannheim

Wege ohne Dogma Heft 2/1996