Johannes Ronge und die Aufklärung 
Ausschnitt

Zunächst stellen sich alle paarweise im Kreis auf. Dann gehen die Paare mit vier Schritten in Tanzrichtung vorwärts. Als nächstes drehen sie sich umeinander, stampfen mit den Füßen im Takt und drehen sich wieder auseinander, gehen in der ursprünglichen Richtung weiter, drehen sich alsdann wieder zueinander und klatschen dabei drei Mal in die Hände, um sich danach drei Mal mit der rechten Faust zu drohen; darauf dasselbe Drohen mit der Linken, wobei man mit der rechten Hand auf sich selbst deutet. Bursch und Mädel drehen sich nun nach außen in einer ganzen Drehung, um schließlich gewöhnliche Fassung zu nehmen. 

Den Text dieses Kurpfälzer Volkstanzes, der auch in Lothringen und im Saarland und unter dem Namen "Reichsverweser" oder, im Odenwald, "Neukatholischer", als Spottlied beliebt gewesen ist, will ich Ihnen auch nicht vorenthalten. Eine Version geht so:

 

Anni Marie, es geht nimmi
Anni Marie, ich kann nimmi
Un ich will dich nedd
Un ich heirad' di mei Lebdag nedd. 

Von 1845 an sang man jedoch:

Kumm, hocht'er unner un boller nedd
Von unserm Glauwe losse mer nedd 
Du willschd nedd, un ich will nedd
Un deitschkatholisch were mer nedd. 

Eingeladen, heute in einer guten halben Stunde über Ronges Einbettung in die Aufklärung zu sprechen, stehe ich vor der Frage:
Was soll man - ausgerechnet hier im Rongehaus und nach diesen profunden Vorträgen - Ihnen zum 200. Geburtstag von Johannes Ronge und zum 300. der immer noch nicht gestorbenen alten und noch nicht erwachsenen Aufklärung denn überhaupt Neues erzählen? Sie wissen doch schon alles.

Deshalb habe ich dieses schöne Beispiel aus der Volkskunst ausgewählt, das Sie sicher noch nicht kannten. Es zeigt einmal, dass die freireligiöse Bewegung nicht nur in der städtischen Bevölkerung - Mannheim war eine Großstadt mit seinerzeit, schätze ich, dreißigtausend Einwohnern - sondern auch auf dem Land Proselyten gewonnen hatte, weshalb mit allen Mitteln ihre Verbreitung sogar durch magische Beschwörungstänze abgewehrt werden musste. 

Der Volkstanz als mimischer Abwehrzauber kann zum andern als Hinweis dafür gedeutet werden, dass die größte Oppositionsbewegung des Vormärz gerade in der weiblichen Bevölkerung keineswegs auf Ablehnung gestoßen ist. Überall wurde Ronge auf seinen Reisen von den Frauen mit Geschenken überhäuft, mit Stickereien, Silberkelchen und Hymnen, ein Anzeichen dafür, dass die Ideen des vergangenen Jahrhunderts sich im - etwas hochtrabend gesprochen - "Volk" zu verbreiten begannen und nicht auf intellektuelle Zirkel beschränkt blieben. Zwar hatte der Baron Holbach hoffnungsfroh einst an Voltaire geschrieben (am 4. Dezember 1766): "Ganz Europa befindet sich in einer für den menschlichen Geist günstigen Krise." In einer Krise wird das Gewohnte fragwürdig. Aber vor allem in Frankreich hatte sich doch das geistige Leben kaum in der Provinz, sondern in den Salons abgespielt, die Paris "zum Kulturzentrum der ganzen Welt" machten. Auch da standen Frauen im Mittelpunkt. ..................

Eckart Pilick:

Vortrag zum 200. Geburtstag von Johannes Ronge im Rongehaus in Ludwigshafen am Samstag, dem 21. September 2013. 
Erscheint im Druck im März 2014