Die Zeit der Wehen:
Ronges Start in Breslau - Anfangs- und Hintergründe


Am 16. Oktober 1813, jenem Tag, an dem mit Beginn der dreitägigen Völkerschlacht bei Leipzig und dem Sieg über Napoleon in Deutschland ein neues Freiheitsbewusstsein erstarkte und fortan in Festen wie dem Wartburgfest 1817 beschworen und besungen wurde, kam im schlesischen Bischofswalde, dem heutigen Biscupów, als zweiter Sohn des Michael Ronge und seiner Frau Hedwig(a), geb. Zimmer, Johannes Ronge auf die Welt. Er wuchs mit sieben Geschwistern auf. Dass ihm der Kampf um Freiheit sozusagen in die Wiege gelegt worden war, muss er selbst als Wink des Schicksals empfunden haben. Die Befreiung vom römischen Joch sah er zeitlebens als persönlichen und nationalen Auftrag an mit dem Ziel, die Grenzen zwischen den Konfessionen und dadurch die Schlagbäume innerhalb Deutschlands zu überwinden. Wenn auch „an der sächsisch-böhmischen Grenze … die deutschkatholischen Gemeinden ein Modell für die Einheit über die Grenzen hinweg“ bildeten,[i] so zeigt sich in dieser Idee Ronges die Überschätzung seiner Person, seiner Möglichkeiten und seines Wirkens auch noch nach der Rückkehr aus dem Exil.

Es fehlten für dieses hehre Ziel der Versöhnung oder gar Verschmelzung von evangelischer und katholischer Kirche die flankierenden, machtpolitischen und theologischen Maßnahmen, es fehlte an der Zustimmung selbst innerhalb der Deutschkatholiken ebenso wie in den Reihen der protestantischen Lichtfreunde, es fehlte erst recht an verlässlichen Allianzen. Die Protestanten blieben zunehmend auf Distanz. Nachdem sie anfangs die deutschkatholischen Dissidenten hoffnungsvoll als Proselyten begrüßt und mancherorts bereitwillig ihre Kirchen für deren Gottesdienste geöffnet hatten, wuchs rasch die Ablehnung mit der Erkenntnis, dass diese neuen Gemeinden autonom bleiben wollten. Die katholische Kirche erblickte in ihnen sogleich Abtrünnige und Gottlose, Sektierer und gar staatsgefährdende „Wühler“. Und während die Lichtfreunde noch eine Reform der evangelischen Kirche für möglich hielten und Männer wie Baltzer, Rupp, Uhlich und Wislicenus durch Amtsenthebung entfernt wurden, setzten die Deutschkatholiken gleich auf ein Schisma und eine Konfrontation mit Rom. Sie wurden zu recht exkommuniziert.

Ronges Vater, geboren 1786, und die ein Jahr jüngere Mutter, besaßen ein Stück Land, hatten aber insgesamt acht Kinder sowie die aus dem knapp vier Kilometer entfernten Giersdorf (polnisch Gieralcice; auch sein Urgroßvater wurde da geboren) gebürtigen Großeltern zu versorgen. Der Großvater überlebte seine Frau um dreiundzwanzig Jahre und starb 1754 mit achtundachtzig Jahren. Das Leben dieser Großfamilie wird im Dorf entsprechend karg gewesen sein, und Johannes musste nach der Schule Schafe und Ziegen hüten. Sein Weg zum Propheten der Aufklärung begann also verheißungsvoll als Ziegenhirt.

Während trotz eifriger Recherchen der Nachfahr Manfred Ronge in Polen und Tschechien bei den Standesämtern und Pfarrämtern nur wenig über die Geschwister Johannes Ronges in Erfahrung bringen konnte, liegt der Lebensabriss des einst ebenso verehrten wie angefeindeten Ex-Kaplans einigermaßen lückenlos vor uns, gehörte er doch als Initiator der größten Oppositionsbewegung im Vormärz zu den populären und viel geschmähten Persönlichkeiten seiner Zeit.[ii]

I.

Johannes Ronge konnte erst mit vierzehn Jahren das Gymnasium in Neiße besuchen. Im Wintersemester 1836/37 begann er in Breslau mit dem Studium der katholischen Theologie. Die Schlesische Friedrich-Wilhelm-Universität zu Breslau war die bislang einzige Hochschule in Deutschland, an der es sowohl eine evangelische wie eine katholische Fakultät gab. Ronge muss ein fleißiger, wenn auch an seiner Berufung zunehmend zweifelnder Student gewesen sein.

Er trat im Dezember 1839 ins Alumnat, um sich zum Seelenhirten formen zu lassen. Der Stundenplan war dicht gedrängt und ließ so gut wie keine Muße zu. Früh um halb sechs begannen vor der Siebenuhrmesse die Exerzitien mit Morgengebet und Brevier, bevor die Seminaristen von halb acht bis acht frühstücken durften. Nach den Vorlesungen von acht bis zehn Uhr reichte die freie Zeit – pro Tag weniger als zwei Stunden – kaum, um den Stoff zu lernen, denn vor und nach Mittag- und Abendessen (währenddessen war das Reden strikt verboten) und den Nachmittagsvorlesungen musste gebetet werden. Zweimal in der Woche wurde den Seminaristen für ein paar Stunden Ausgang erlaubt. Nach einem Jahr wurde Ronge zum Priester geweiht und verließ dieses nach seinen Worten „geistige und körperliche Marterinstitut“. Von März 1841 bis zum November 1842 wirkte er dann als Kaplan in Grottkau.

Bistumsverweser der Diözese Breslau war damals der Kirchenhistoriker Joseph Ignaz Ritter, dem man Ambitionen auf das Amt des Bischofs nachsagte. Die Kapitulare hingegen hatten im August 1841 den Domherrn Joseph Knauer zum Fürstbischof gewählt, was aber erst im Februar 1843 von Papst Pius VII. offiziell bestätigt wurde; im August sollte der neunundsiebzigjährige Kirchenmann – er starb im Mai des darauf folgenden Jahres – sein Amt antreten. Die Schuld an dieser anderthalbjährigen Verzögerung schrieb man dem romhörigen Konkurrenten Ritter zu. Ohne diesen namentlich zu nennen, hatte Johannes Ronge das Problem öffentlich gemacht durch einen in den „Sächsischen Vaterlandsblättern“ (Nr. 135, Leipzig 1842) anonym publizierten Artikel „Rom und das Breslauer Domcapitel“. Er prangerte darin „die Dreistigkeit Roms“ an und führte sie unverhohlen auf Intrigen im Breslauer Domkapitel zurück, auf Eifersucht und Denunziation ihrer Mitglieder. Ronge wurde gleich als Verfasser verdächtigt, vorgeladen und, da er nicht widerrufen wollte, schließlich suspendiert.

Die Grottkauer hätten ihren Seelsorger gern behalten und stellten ihm ein rühmliches Zeugnis aus, sobald die ersten Vorwürfe gegen ihn öffentlich wurden. Sogar der Gemeinderat, gleichermaßen vergeblich, verwandte sich für ihn. Ronge wurde nun Privatlehrer in Laurahütte, dem 1839 erbauten und seinerzeit größten Eisenhüttenwerk Oberschlesiens. Neben dem Unterricht für die Kinder der Beamten und Handwerksmeister blieb ihm genügend Zeit, sich weiterzubilden und jene Philosophen zu studieren, die im Theologiestudium und erst recht im Alumnat tabu gewesen waren, wie u.a. Feuerbach und Hegel. So ganz befriedigt kann ihn die Unterweisung der Kinder nicht haben, denn er erwog damals ernsthaft, nach Amerika auszuwandern. Seine Stelle war ohnehin bis zur Fertigstellung einer neuen Schule auf anderthalb Jahre bis zum 1. August 1844 befristet. Sein Abschied von Laurahütte hatte also nichts zu tun mit dem Skandal, den sein Offenes Sendschreiben an den Bischof Arnoldi hervorgerufen hatte (datiert vom 1. Oktober des Jahres und am 16. Oktober zum ersten Mal in den Sächsischen Vaterlandsblättern veröffentlicht). Denn die massenhafte Multiplikation des Briefes begann wenige Tage später, wie wenn ein Feuerfunke einen ausgedörrten Wald entflammt. Allein in Süddeutschland wurden zwölftausend Sonderdrucke verkauft. Welch ungeheure Verehrung dem Verfasser entgegengebracht wurde, wird zudem an den Devotionalien (die heute im Stadtarchiv Mannheim oder in der Rastatter Gedenkstätte für die Freiheitsbewegungen in Deutschland aufbewahrt werden) ersichtlich, mit denen er in den folgenden Monaten beschenkt wurde: Bibeln in reich versilbertem Einband, silberne Kelche mit eingeprägten Namen der Spender, Medaillen oder etwa auf Seide gedruckte oder kalligrafisch gestaltete Solidaritätsadressen aus ganz Deutschland und selbst aus England.

Die spektakuläre Ausstellung des Rocks und die Wallfahrt nach Trier war als Manifestation des Ultramontanismus unbestreitbar ein Erfolg, der Angriff dagegen, zu dem Ronge das Signal gegeben, war ebenso von Beginn an ein Politikum und wurde auch so verstanden und keineswegs als innerkirchliche Angelegenheit reformfreudiger Pastoren, wie es zunächst die Versammlungen der Lichtfreunde in der Tat gewesen waren. Ronges "Kampf wider die tyrannische Macht der römischen Hierarchie" war von Anbeginn an zugleich ein Kampf für mehr Demokratie in der Gesellschaft. Darum war nicht nur im Süden Deutschlands die Doppelmitgliedschaft in freireligiösen und demokratischen Vereinen selbstverständlich. Und naturgemäß ist der Deutschkatholizismus denn auch niemals eine homogene Glaubensgemeinschaft gewesen. Entsprechend häufig kam es zu Streit, zu Zerwürfnissen und Abspaltungen, und das nicht erst nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49. Rudolf Dowiat, der Ronge auf seinen Missions-Reisen zu begleiten pflegte, hat später vor Gericht ausgesagt, dass der Deutschkatholizismus für ihn stets nur ein Deckmantel für seine politische Agitation gewesen sei. Dennoch erkannte man in der Bewegung, deren Gottesdienste oder Feierstunden in den Städten von einem Großteil der Bevölkerung besucht und bejubelt wurden, das Verlangen nach einer religiösen Reform.

Was aber wie eine spontane Eruption erschien, hatte als Bewegung begonnen, an der neben Ronge als Motor auch andere Kräfte mitgewirkt hatten.

Am 4. November verließ Ronge Laurahütte, besuchte seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Franz, der ihn später auf seinen Reisen begleiten sollte, und zog zu dem befreundeten Grafen Eduard von Reichenbach nach Waltdorf bei Neiße.

Der „Demokrat“ Graf Reichenbach war damals schon als populärer Redner auf Volksversammlungen und Verfasser kritischer Beiträge in den Sächsischen Vaterlandsblättern bekannt. Auf seinem Rittergut wurde verarmten und verfolgten Oppositionelle Zuflucht gewährt, Johannes Ronge war nicht der einzige. Auch Bakunin und Hoffmann von Fallersleben fanden bei ihm Unterschlupf. Reichenbach gehörte auch zu dem konspirativen Hallgartenkreis, zu jenen oppositionellen „Fortschrittsmännern“, die sich seit 1839 regelmäßig auf dem Weingut des Mannheimer liberalen Abgeordneten der 2. Badischen Kammer Adam von Itzstein in der Nähe von Rüdesheim trafen. Friedrich Daniel Bassermann zählte Reichenbach wie Robert Blum zu der ultrademokratisch-sozialistischen Richtung innerhalb dieser Versammlungen. Bemerkenswert ist, dass in jenen Gesprächsrunden auch über die Gründung einer neuen Religionsgemeinschaft zur Beförderung der Republik diskutiert worden ist. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass über die Realisierung dieser Idee und das weitere Vorgehen nach dem deutschlandweiten massenhaften Echo auf das Sendschreiben an Arnoldi in den Wochen, die Ronge bei Graf Reichenbach lebte und arbeitete, bis er am 23. November die Einladung nach Breslau annahm, nicht beraten wurde. Am 1. März 1845 hielt er den ersten Gottesdienst der „allgemeinen christlichen Kirche“ und wurde eine Woche später – am 9. März 1845 – offiziell zu ihrem ersten Prediger gewählt.

II.

Es existierte vor der Revolution trotz der großen Kommunikationsprobleme im Metternichschen Spitzelstaat und der weit verstreut wohnenden Teilnehmer zum einen ein republikanisches Netzwerk, in dem insbesondere Itzsteins Hallgartenkreis große Bedeutung zukommt, engagierten sich hier doch einflussreiche und populäre „Volksmänner“, Exponenten wie Robert Blum aus Sachsen und Graf Reichenbach aus Schlesien sowie eine Reihe liberaler Abgeordneter, die das damals sogenannte Ronge-Fieber zu nutzen wussten. Zum andern war allgemein die Zeit reif gewesen für diese als zweite Reformation begrüßte (und überschätzte) Bewegung, deren Auslöser Ronges Offener Brief war. Sie transportierte mit großem persönlichen Einsatz einiger weniger Wortführer und Funktionseliten in den Versammlungen der Deutschkatholiken und Lichtfreunde die Gedanken der Aufklärung und des Rationalismus in das religiöse Leben von Oberschlesien bis Süddeutschland.

Gegen die Verbreitung solcher Ideen war in Preußen bereits unter König Friedrich Wilhelm II. am 9. Juli 1788 das reaktionäre Wöllnersche Religionsedikt erlassen worden. Johann Christoph von Wöllner, eine durchaus schillernde Persönlichkeit und von Hause aus evangelischer Pfarrer und Mitglied des gegenaufklärerischen Rosenkreuzerordens, hatte als Justizminister seinen Einfluss auf die Geistlichen als Diener des Staates genutzt, um sie zu Glaubenszwang und Dogmatismus zu verpflichten und ihre Lehrfreiheit zu beschneiden, andererseits aber auch mit dem Ziel, den Frieden zwischen den Konfessionen zu stabilisieren und das Proselytenmachen und Missionieren zu untersagen. Das Geistliche Departement, dem er vorstand, war eine Abteilung des Justizministeriums. Einer Aufsichtsbehörde, der so genannten „Königlichen Examinations-Commission in geistlichen Sachen“ (Immediatexamenskommission) oblag es, die Fakultäten, den Religionsunterricht und die Lehr- und Pfarramtskandidaten zu kontrollieren und dahingehend zu prüfen, ob sie nicht von den „schädlichen Irrtümern der jetzigen Neologen und sogenannten Aufklärer angesteckt“ seien.[iii]

Das bekannteste Opfer des Wöllnerschen Edikts war Immanuel Kant, dessen Werk „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ den Unmut des Königs dermaßen erregt hatte, dass er dem Philosophen verbot, sich je wieder zu diesem Thema zu äußern. Diese Gängelungsversuche, Zensur- und Zwangsmaßnahmen zur Konservierung des Kirchenchristentums voraufklärerischer Prägung bewirkten allerdings „eine zunehmende Gleichgültigkeit, in weiten Kreisen sogar eine wachsende Ablehnung gegenüber Religion und Kirche überhaupt.“[iv] Der obrigkeitliche Versuch der Bevormundung wurde zunehmend kritisiert, Bedenken und Widerspruch nahmen unter den Theologen alsbald zu, und nach dem Tod des Königs wurde das unzeitgemäße Edikt sogleich von seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm III. Ende Dezember 1793 wieder kassiert. Wöllner wurde ohne Pension seines Amtes enthoben. Bemerkenswert ist die Kabinettsordre des Königs an ihn vom 12. Januar 1798, in welcher er den Minister belehrt, dass es vor dem Religionsedikt mehr Religion und weniger Heuchelei gegeben habe, dass Religion Sache des Herzens, des Gefühls und der eigenen Überzeugung bleiben müsse und nicht durch methodischen Zwang zu einem gedankenlosen Plapperwerk herabgewürdigt werden dürfe: „Vernunft und Philosophie müssen ihre unzertrennlichsten Gefährten sein, dann wird sie durch sich selbst bestehen, ohne die Autorität derer zu bedürfen, die sich anmaßen wollen, ihre Lehrsätze künftigen Jahrhunderten aufzudringen, es den Nachkommen vorzuschreiben, was sie zu jeder Zeit denken sollen.“

Nach dem vergeblichen Versuch, die Aufklärung des ausgehenden Jahrhunderts zu unterdrücken, wehte nun zum Unmut konservativer Kreise wieder ein anderer Wind in der Theologie. In der protestantischen Kirche wurde die neue Strömung in Gestalt des Rationalismus tonangebend, der bemüht war, Glauben und Denken miteinander in Einklang zu bringen. Schleiermachers Werk „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ erscheint 1799 als Markstein.

Um den Rationalismus zu bekämpfen, erhob sich prompt wiederum eine Gegenbewegung, insbesondere gegen seine populären Vertreter, die „Lichtfreunde“, in deren Vernunftreligion die 1827 von Ernst Wilhelm Theodor Hengstenberg gegründete Evangelische Kirchenzeitung nichts weniger als Staatsgefährdung sah: „Wie den Thron des Königs im Himmel wollen sie auch den Thron des Königs auf Erden umstürzen.“ Am 5. August 1845 wurden die Zusammenkünfte der Lichtfreunde verboten, da sie sich längst aus rein kirchlichen Reformbestrebungen zu politischen Volksversammlungen entwickelt hatten.

In Süddeutschland gründeten auf katholischer Seite Heinrich von Andlaw und Alban Stolz zur Abwehr gegen die meist deutschkatholisch dominierten oder durchsetzten Volksvereine 1846 den ersten Katholischen Verein (siehe Karikatur) (Valentin I, S. 156). In Sachsen wurde 1846 das Gesetz über die „Neukatholiken“ erlassen. Ronges Spagat, ohne einen verbindenden Mythos die Ideen der Aufklärung mit dem Pantheismus zu verschmelzen, die Ziele des Sozialismus religiös zu motivieren und die Religion zu politisieren, die Autonomie des Individuums zu betonen und in eins damit die Bildung deutschkatholischer Gemeinden fern von Hierarchie, Dogma und Kirche zu befördern, überstieg bei weitem die Potenz des schlesischen Kaplans. Seine Hoffnung, dass durch „Vernunft, Freiheit, Liebe … alle Völker zu einer brüderlichen Einigung" gelangen könnten, die "schließlich zur Wiedervereinigung der verschiedenen Kirchenparteien in einer dogmenfreien nationalen Kirche führen werde", war utopisch.[v]

Die umjubelten Volksmänner und Aufklärer, die als Wegbereiter der Demokratiebewegung zu gelten haben, wurden nicht allein vom Klerus beider Konfessionen und von konservativen Staatsmännern bekämpft, sondern auch von der liberalen Opposition. Wilhelm Jordan sah sich zu einem „Weckruf an das Ronge-berauschte Deutschland“ veranlasst („Ihr träumt!“). 

Eine Charakteristik aus „Die großen Männer des Exils“ (MEGA 306) sei hier zitiert, um zu zeigen, dass nicht alle republikanischen und oppositionellen Zeitgenossen Ronge als bedeutenden Denker des 19. Jahrhunderts eingeschätzt haben:

Johannes gehört zu jenen in der Geschichte häufig vorkommenden Erscheinungen, die mehrere Jahrhunderte, nachdem eine Bewegung entstanden und wieder abgestorben ist, den Inhalt dieser Bewegung in der blassesten, mattesten Weise einer gewissen Abart des Philistertums sowie Kindern von acht Jahren als das Neueste vortragen. Sein seichter Abspülicht des deutschen Aufkläricht kam außer Begehr, und Johannes pilgerte nach England. ... Der unbehülfliche, fahle, langweilige Dorfpfarrer erblich natürlich vor dem hitzigen, kulissenreißenden italienischen Mönch, und die Engländer wetteten große Summen, dass dieser ennuyante Johannes nicht der Mann sein könne, der die tiefdenkende deutsche Nation in Bewegung gesetzt hatte. ...“[vi].

Von Anfang an saßen die Deutschkatholiken und – nach ihrem Zusammenschluss mit den protestantischen Lichtfreunden – die freireligiösen Gemeinden zwischen allen Stühlen. Zu einem übergreifenden und übergeordneten Dritten fehlten Ideen und Kraft. Die Zeit der Wehen, die in Breslau begannen, dauert bis heute an.                                   

Eckhart Pilick In: Der Humanist 6/2015

    

i]   Veit Valentin: Geschichte der deutschen Revolution von 1848 – 49. 2 Bde. Berlin 1930/31, Band I, S. 219.
[ii]
Vgl. Renate Bauer in: Eckhart Pilick (Hg.): Lexikon freireligiöser Personen. Rohrbach/Pfalz o.J. S.133f.; Renate Bauer (Hg.) in „Es bewegt sich doch?“ Von der Aufklärung zu Ronge. Ludwigshafen/Hannover 2013. Schriftenreihe für freigeistige Kultur Heft 28.
[iii]
Zitiert nach Uta Wiggermann: Woellner und das Religionsedikt: Kirchenpolitik und kirchliche Wirklichkeit im Preußen des späten 18. Jahrhunderts. Beiträge zur Historischen Theologie. Band 150. Mohr Siebeck, 2010. S. 261.
[iv]
  Die Gegenwart. Eine encyklopädische Darstellung der neuesten Zeitgeschichte für alle Stände. Leipzig, F.A. Brockhaus, 1848-1858. 8. Band (1856) S. 430.
[v]   Friedrich Wilhelm Graf: Die Politisierung des religiösen Bewußtseins. Die bürgerlichen Religionsparteien im deutschen Vormärz: Das Beispiel des Deutschkatholizismus. Stuttgart-Bad Cannstadt 1978. S. 127 und S. 145.
[vi]
  Karl Marx/Friedrich Engels, Werke. Band 8. Berlin 2. Aufl. 1872, S. 306f.