Impulse der Vergangenheit

Festansprache zum 150. Geburtstag der Freireligiösen Gemeinden von Dr. Eckhart Pilick in der Frankfurter Paulskirche am 22. Oktober 1995

Das politische Bewußtsein im Volk, weitaus höher entwickelt als im deutschen Bundestag (damals vor 150 Jahren) - das religiöse Bewußtsein in der Bevölkerung, weitaus höher entwickelt als in der Konsistorialkirche damals - dieses Mißverhältnis von Geist auf der einen und Macht auf der anderen Seite war die Voraussetzung der gegen die alte lebensfeindliche Ordnung gerichteten Bewegung für eine Freiheit, die statt auf Privilegien und Besitz auf Mitbestimmung gründen sollte; war die Voraussetzung für das Vorparlament und die Nationalversammlung, wozu 500 Abgeordnete (darunter viele Freireligiöse: an der Spitze der Vizepräsident Robert Blum) entsandt worden waren. Allein schon mit den 59 Artikeln zu den Grundrechten haben sie einen Wendepunkt in der Geistesgeschichte markiert. Dann fiel es - innerlich vorher verzankt - den rückwärtsgerichteten Kräften und den Bajonetten zum Opfer.

Die Freireligiösen hatten im Vormärz das religiöse Rohmaterial erneuert, aus dem die Götter entstehen, Bilder, Vorstellungen und Gedanken vom Wert des Daseins in dieser Welt. Ab und zu verkommen die Begriffe sinnstiftender Meinungsindustrien zu leeren Hülsen, die an einem ablaufen wie Wasser und unser Herz nicht mehr erreichen. Dann sterben die Götter. Aber das Neue - unbemerkt zunächst von den meisten - ist längst da, auch wenn es noch nicht in Legenden und Bekenntnissen transportiert werden kann. (Das Wesen der freien Religion kann man nicht auswendig lernen.)

Ich weiß, daß in unseren eigenen Reihen der lächerliche Streit um Worte Gräben schafft. Da wird gern der vieldeutige Begriff "Geist" gegen den ebenso komplexen Begriff "Religion" ausgespielt. In zahlreichen Sprachen kommt das Wort Religion gar nicht vor (übrigens auch nicht in der Bibel). Erst vor 400 Jahren fand es Eingang in die deutsche Umgangssprache. Dennoch wollen es die einen unter uns dem Monopolanspruch der Großsekten überlassen, andere wieder nicht. Ein Unterschied im Sprachgebrauch verhindert die dringend notwendige Gemeinsamkeit zwischen uns. Umso bedeutungsvoller ist dieses Zusammentreffen heute hier in der Paulskirche. Möge es einen neuen Anfang bedeuten. 

Fest steht, daß die Religion nicht bloß eine kompensatorische Tröstung darstellt, die mit wachsendem Wohlstand verschwindet. Was ist schon Religion, fragten unsere Gründer damals, wenn sie vom Fürsten verordnet wurde? Was für ein Gott, für den das Streben nach Erkenntnis die schlimmste Sünde war, und der sich nur durch einen Mord versöhnen läßt? Der seine eigene Schöpfung als Jammertal abqualifiziert, um auf eine bessere zu vertrösten? Kein Wunder, daß auch seine Ebenbilder sich die Natur untertan machen, ausbeuten und verhunzen wollen. Wie verlogen ist die Einstellung der Gebildeten, die sich längst von ihr innerlich gelöst haben, sie aber für die Dritte Welt, die Caritas, die Erziehung der Kinder oder die Disziplinierung der Frauen als unentbehrlich erachten? Die Bedeutung der Kirchen steht in umgekehrtem Verhältnis zur Glaubensintensität ihrer Mitglieder. Diese Diskrepanz zwischen Wahrheit und Wirklichkeit schafft Mißtrauen. Toleranz jedoch entsteht auf der Basis des Vertrauens. Nur Wege ohne Dogma führen zur Einigung und Duldsamkeit.

Die freireligiösen Gemeinden waren die ersten pantheistischen, d.h. nichtchristlichen Religionsgemeinschaften in Deutschland. Sie bildeten mit Juden, Katholiken und Protestanten die erste ökumenische Glaubensgemeinschaft. Sie konnten nicht mehr glauben, daß die ewige Wahrheit in einem einzigen Buch versteckt ist. Darum wollten sie der Vielzahl der religiösen Wege nicht einen neuen Trampelpfad hinzufügen, sondern ein Modell bilden für den Frieden. Und das ist es auch geblieben heute in einer Welt, in der winzige Unterschiede im Glauben oder der Nationalität genügen, Verteilungskämpfe von längst überwunden geglaubter Brutalität zu motivieren. Daß der religiöse Sozialismus der Deutschkatholiken und Lichtfreunde, die sich 1859 im BFGD (Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands) zusammengeschlossen hatten, von den linken Parteien belächelt oder beargwöhnt, im Grunde ein Kampf für den Frieden war, hat die Historikerin Annette Kuhn festgestellt: in ihm ist der Friede als Prozeß, nicht als Zustand begreifbar: "Seine geschichtliche Erscheinungsform wird immer neu an dem einer Zeit möglichen Bewußtsein der Menschenwürde gemessen." Diese sich wandelnde und entwickelnde Erkenntnis der Menschenwürde entspricht dem Wandel des religiösen Bewußtseins.

Die Erde ist unsere Heimat, nicht Durchgangsstation zum Jenseits. Die Natur ist unsere Haut, unser Haus, unser eigener Körper. Es war der Freund der Freireligiösen und Begründer des Monismus, Ernst Haeckel, der den Begriff "Ökologie" in die Biologie eingeführt und den phylogenetischen Zusammenhang alles Lebendigen wissenschaftlich begründet hat, von dem die freireligiösen Sprecher und Pfarrer ein halbes Jahrhundert zuvor nur (aber schon) predigen konnten.

Mit der Emanzipation der Religion von der Kirche trat nämlich bald mehr und mehr zutage, was nur verschüttet war vom Kirchenchristentum: Die heimliche Religion der deutschen Klassik, der Pantheismus.

Das Bild, das Menschen sich vom höchsten Wesen, von der Totalität des Wirklichen und dem Urgrund des Seins machen und oft mit der Chiffre "Gott" bezeichnen, ist immer ein Symbol der Ganzheit, muß also männliche und weibliche Komponenten umfassen. Die Einseitigkeit und Dominanz des einen Elements (z.B. des männlichen da, wo von Gott als dem "Herrn" oder "Vater" die Rede ist) verraten die machtvolle Unterdrückung des anderen (Gynz-Rekowski). Die anima des von Menschen gemachten Gottesbildes kam nun in der Freireligiösen Abkehr vom Kirchenchristentum, in dem das Patriarchat sich selbst verherrlicht, zur Geltung und zeigte sich in der Hinwendung zur Mutter Natur, in der Diesseitsbejahung und Daseinsfreude, in der praktischen Organisation des Pantheismus, der Gott nicht als Schöpfer, sondern als Wesen der Welt denkt, als "universum" (das nach außen gewendete Eine) und die Natur nicht als seelenlosen Gebrauchsgegenstand, sondern als Offenbarung und Erscheinungsweise jener urschöpferischen Kraft begreift, die zu immer komplexeren Formen sich entwickelt. "Mag die Zahl derjenigen", rief Friedrich Daniel Bassermann, der Paulskirchenabgeordneten aus Mannheim, "die sich zu den Freireligiösen bekennen, noch so klein sein, mag man sie Christen nennen oder nicht - ich behaupte, daß sich von ihnen an eine neue geschichtliche Ära datiert!"

Dazu gehörten in Deutschland vor 150 Jahren organisatorisch höchstens 100.000 Menschen. Mehr sind auch nicht erforderlich, wenn sie sich nur einig sind. Denn Erich Fromm hat recht, wenn er uns schrieb, daß große Strömungen oft aus ganz kleinen Clubs hervorgegangen sind...

Der wichtigste Paragraph im Leipziger Glaubensbekenntnis wurde (bei allen Meinungsverschiedenheiten auf dem ersten Konzil der Deutschkatholiken Ostern 1845) einstimmig angenommen: Daß sämtliche beschlossenen Bestimmungen ausdrücklich nicht für alle Zeiten festgesetzt sein sollen! Sie "können und müssen nach dem jedesmaligen Zeitbewußtsein ... abgeändert werden". Revisionsausschließlichkeit ist Ausdruck von Angst oder Omnipotenzphantasien, was letztlich auf das gleiche hinausläuft. Wer den Zweifel am und im Glauben nicht zuläßt oder gar als Sünde deklariert, ihn aber innerlich auch nicht abwehren kann, wird den unterdrücken oder totschlagen, der ihn ausspricht, den Ketzer also, den Zweifler, den, der alternative Wege ohne Dogma beschreitet.

Aber machen wir uns nichts vor: Die Kirche ist derzeit noch der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland mit über 700.000 Beschäftigten und wird ihren äußeren Besitzstand noch lange behaupten. Sie ist im Umbruch. Sie kann keine Wahrheiten vermitteln, die wir nicht auch woanders herbekommen könnten. Sie evaporiert. Die halbe Million, die jährlich austreten, sind keine Gegner, wie noch 1918 oder 1845. Wir leben längst in einer postchristlichen Epoche. Gerade jetzt, wo Bayern, Bild und Bischof gegen die weltanschauliche Neutralität des Staates verstoßen - ein hohes und erst nach blutigen Kämpfen errungenes Kulturgut, das dem friedlichen Zusammenleben der Bürger seit der Paulskirchenverfassung höhere Priorität einräumt als der Durchsetzung einer religiösen Heilswahrheit -, gerade heute wird deutlich, wie fragwürdig sie geworden ist. "Was ist das sicherste Zeichen, daß eine Religion keine innere Lebenskraft mehr besitzt?" fragt Feuerbach und antwortet: "Wenn ihr die Fürsten der Welt ihren Arm leihen, um sie wieder auf die Beine zu bringen." (11, S. 407.)

Eine Massendemonstration für die Erhaltung des Kreuzes! Wer hätte das gedacht? Es ist also nicht mehr selbstverständlich, es ist also fragwürdig geworden. Die Gesellschaft hat sich längst von ihm verabschiedet. Es kann vielleicht bald wieder in neuem Licht, d.h.in seiner kosmischen Bedeutung, erscheinen. Ich sehe kommen, daß wir Freireligiösen eines Tages für eine christliche Minderheit und ihre Symbole werden eintreten müssen, die der Schonung bedarf statt der Kritik. Wir haben ja ein Herz für Minoritäten und wollen nicht Schlitten fahren mit der Kirche auf dem Schnee von gestern. Das Kreuz ist älter als das Christentum. (Das Kreuz mit angenageltem Korpus wäre bis ins 7.Jahrhundert eine Schmach und eine Lästerung für gute Christen gewesen. Erst im 16. Jahrhundert kommt der Gefolterte am Kreuz in Mode. Wenn Jesus wirklich gelebt hat, so ist es eine Entwürdigung und eine Geschmacklosigkeit, ihn übers Ehebett oder über den Küchentisch zu hängen. Das könnte geradezu ein Reklameeinfall von Benetton sein.) Eigentlich wollte Jesus Licht bringen. Eigentlich ist er einer der Lichtfreunde (wie Mithras oder Krishna). "Laß dich's nicht wundern, daß ich dir gesagt habe," hat er gesagt (Joh. 3,7): "ihr müßt von neuem geboren werden"...

Als hier das erste Parlament in der Geschichte der Deutschen tagte, fühlte man sich wie neugeboren, wurde die Zeit als Völkerfrühling gefeiert. Er endete in Blut und Finsternis. Und eine der entscheidenden Ursachen dabei war der Streit unter Brüdern (Schwestern durften ja nicht dabei sein), der dem Parlament die Stoßkraft raubte.

Wir müssen neu geboren werden, das heißt: Wir müssen lernen, über das Wasser zu wandeln: für uns Nichtchristen eine poetische Metapher für die Fähigkeit, das feste Ufer, das Festgelegte und Verfestigte und das in Dogmen Erstarrte, also den sicheren Boden unter den Füßen, zu verlassen und hinauszuschreiten über die Grenze auf das Fließende hin zu mehr Lebendigkeit.

Das entsprach dem Geist der freireligiösen Gemeinden 1845: "Geist ist Freiheit", erklärte Julius Rupp. Und dieser Geist weht, wo er will, er läßt sich auf Dauer nicht bändigen. Dem Rechnung zu tragen, wurde dem Leipziger Glaubensbekenntnis der oben erwähnte Paragraph eingefügt. Er kündigt ein neues Bewußtsein an. Er ist die kürzeste Formel für Antifundamentalismus; er macht den Geist offen für das Kommende. Das Wesen der Materie und des Menschen ist, wie Bloch lehrt, nicht allein das Gewesene: Der Mensch ist eine nicht abgeschlossene Versuchsanordnung der Natur, in dem die Impulse der Vergangenheit aus den Wurzeln sich mit dem Hoffnungsschimmer von morgen zu einer Kraft vereinigt.

"Frei sei der Geist und ohne Zwang der Glaube."

Wissen Sie, daß wir diesen Spruch einem evangelischen Pastor verdanken? Es gibt auch heute nicht weniger Freireligiöse innerhalb der Kirche als 1845, sondern mehr. Wir müssen überall Verbündete suchen im Kampf gegen Indifferentismus auf der einen und Fundamentalismus auf der anderen Seite, die einander bedingen und gleichermaßen gefährlich sind. Warum soll nur das Kapital frei und global überall schweben und nicht auch unsere Ideen? Was war denn das Neue, für das unsere freireligiösen Frauen und Männer im 19. Jahrhundert einstanden? Das Werden war ihnen wichtiger als das Gewordene. Sie haben der Angst vor der Freiheit das Vertrauen in das sich wandelnde Leben entgegengesetzt. Statt Heilsgewißheit predigten sie Toleranz. Sie gewöhnten die Gesellschaft daran, daß es keine starren, unüberwindbaren Grenzen gibt, weder zwischen den 36 deutschen Ländern noch zwischen den Konfessionen, weder zwischen Geist und Materie (das Sein ist immer beides zugleich), noch zwischen Tier und Mensch, sondern immer nur fließende Übergänge und Umwandlung.

"Wir brauchen in naher Zukunft in Europa einen internationalen Kongreß zum Schutz der Wälder, der Gewässer und bedrohten Tiere ..." - "Impulse der Vergangenheit"! (Dieses Motto hatten Sie als Thema dieser Veranstaltung gewählt). Vor über 140 Jahren hat diese Forderung der Naturforscher Roßmäßler gestellt, der Vorsitzender der Freireligiösen Gemeinde Leipzig war und der, nebenbei bemerkt, an dieser Stelle in der Paulskirche die Regierungen aufforderte, für Bildung soviel Geld auszugeben wie bislang fürs Militär und umgekehrt. 

Die Freireligiösen waren die wichtigste oppositionelle Massenbewegung im Vormärz. Sie bildeten die ersten demokratisch organisierten Vereinigungen, faßten Religion als Selbstbestimmung auf und halfen denen, die davon am weitesten entfernt waren: Für die Frauen führten sie gleiches Stimmrecht ein und gründeten die erste Frauenhochschule: "Ihr müßt groß von Euch denken!" hatte Ronge ihnen zugerufen. Für die Arbeiter gründeten sie die Arbeiterverbrüderungs- oder Arbeiterbildungsvereine, aus denen später die SPD hervorgehen sollte, die es heute noch gibt! Für die Kinder schufen sie die ersten Kindergärten in Preußen und (als Emigranten) in England und den USA. Sie kämpften für die Emanzipation der Juden; ihren Predigern warf man vor, daß sie eher mit einem Rabbi als mit einem Priester zu vergleichen wären. Und genau das wollten sie auch sein: Lehrer und keine Zwischenhändler zwischen Gott und dem Menschen. Sie waren in erster Linie für andere da und deshalb so populär.

Wir wollen sie nicht idealisieren. Sie konnten ja nicht anders. Wenn man wächst, werden eines Tages die Schuhe zu klein und drücken. Es ist dann besser, auszutreten, sich zu trennen, als zu verkrüppeln. Es kann sogar besser sein, barfuß zu laufen, als in den alten Latschen. Aber ich mahne zur Bescheidenheit: Wer mehr will, als seine Konstitution erlaubt, wird neurotisch. Wer zu große Schuhe anzieht, stolpert bald und macht sich lächerlich ...

Es waren winzige Zellen, diese Dissidentenvereine, in denen um tiefere Religiosität und eine humanere Gesellschaft gerungen wurde. Dieser Streit war kontrovers. Freie Religion ist immer unbequem. Wie heute gab es die, die von Religion gar nichts mehr wissen wollten. Ihre Motive kamen aber durchaus aus jenem Mitleid, Wertbewußtsein und Lebensgefühl, das wir als Religiosität bezeichnen. Es gab Prediger wie Rudolf Dowiat, welche Freie Religion als Maske der Politik erklärten, und solche, die an der urchristlichen Gemeinde ohne Dogmen anknüpfen wollten. Wie heute gab es neben Pantheisten Agnostiker und Atheisten aber es einigte sie das Streben nach Freiheit und Bürgerrechten, nach Bildung und Wohlstand für alle, wie Gustav v. Struve aus der Freireligiösen Gemeinde Mannheim hier in der Paulskirche forderte. Erst dadurch, erst zusammen bildeten sie (für kurze Zeit) eine gesellschaftlich relevante Kraft.

Die enge Abgrenzung ist auch in unsern Reihen ein Zeichen der Angst und eigenen Schwäche. Wenn das Vertrauen und die Ich-Funktionen unterentwickelt ist (wodurch auch immer), fühlt sich ein Mensch bedroht von dem Fremden, das von außen auf ihn eindringt und sein Profil beschädigen könnte. In einem narzißtischen Rückzug glaubt er, sich selbst genug zu sein - als wenn man nur für sich auf der Welt wäre. Dann wird schnell aus dem Einssein mit dem All ein Alleinsein. Solche Menschen stehen mit dem Ewigen auf Du und Du, nicht aber mit dem Nachbarn. Sie kapseln ihre freireligiösen oder -geistigen Gemeinden ab, in denen sie Dogmenfreiheit im Geist predigen, und lassen dabei den eigenen Dogmatismus praktisch werden. Alle, die sich mit dem Geist der Paulskirche identifizieren, gehören indessen zusammen. Sie bilden eine einheitliche "Gebärde". Die Summe dieser vielen Vertreter nicht- oder besser postchristlicher Strömungen, sie ist allerdings noch keine gesellschaftlich relevante Kraft.

In unserer kosmischen Religiosität (um den Titel des neuen Buches von Elke Lazarraga zu gebrauchen); in unserem freien Humanismus; in unserem freireligiösen Pantheismus; in unserem internationalen Unitarismus drückt sich doch trotz aller Differenzen ein gemeinsames Weltbewußtsein aus - nein, nicht nur Selbstbewußtsein, sondern das Bewußtsein der Welt von sich selbst. Die große Aufgabe ist jetzt die Vernetzung. Um tolerant zu sein, müssen wir stark werden. Die einzelnen, mehr oder weniger gut funktionierenden Zellen müssen die partikularistischen Tendenzen überwinden und sich zu einem Organismus verbinden. Das wird schwierig genug sein. Die Probleme und Aufgaben der Zukunft sind nicht geringer, sondern gewaltiger als vor 150 Jahren. Während wir hier feiern, sind 4.000 ha Wald vernichtet worden und 3.000 Bewohner mehr auf unserem Planeten hinzugekommen. Nicht so sehr der wachsende Fundamentalismus ist die Gefahr. Die Bedingungen sind es, die ihn verursachen: Orientierungslosigkeit, Ungerechtigkeit, Elend und Angst wie 1845. Lebensqualität besteht in der Fähigkeit, sich mit größeren Einheiten zu identifizieren - Wie 1845. Der Todestrieb will zerstören, der Eros sucht größere Einheiten zu schaffen.

Das Neue muß also stärker werden als das Vergangene. Wer sich heute freireligiös nennt, muß zeigen, daß sein Geist wirklich freier und tiefer ist und seine Vorstellungswelt weiter und nicht enger ist. Wer sich Freidenker nennt, muß aber auch denken und nicht in stereotypen Klischees haften bleiben. Sonst ist man die Ebbe einer großen Flut. Wer nur glaubt, besser und freier zu sein, erfüllt das Kriterium einer Sekte. Eine Zukunft werden wir nicht haben als antiklerikale Bürgerinitiative. Die Aufklärung wird nämlich auch innerhalb der Kirche Fortschritte machen (sie, die in ihrer 2000jährigen Geschichte nach jeder Ohrfeige auch die andere Wange hinhielt und nicht zween Röcke hat, sondern immer alles verkauft, was sie hat, um es den Armen zu geben.)

Auch sie wird den Krieg mehr verurteilen als den vorehelichen Geschlechtsverkehr, sich mehr für den Schutz der Geborenen aussprechen als gegen den Gebrauch der Pille, Gott in der Natur verehren und in seiner Personifizierung vielleicht wie wir eine naive Einschränkung erblicken. Unsere Probleme sind planetarisch (Isaac Asimov) und können darum nur gemeinsam, von keiner Kirche oder Ideologie alleine bewältigt werden. Müssen darum Wege ohne Dogma die Grenzen zwischen den Religionen und Weltanschauungen nicht ebenso passierbar machen wie zwischen den Staaten?

Impulse der Vergangenheit wirken noch. Sie helfen uns, die Flamme am Brennen zu halten. Die Form, in der sich freie Religion, freies Denken, freier Humanismus, Monismus und Unitarismus gesammelt haben in 150 Jahren, ist nicht das entscheidende. Mag sein, daß sie in ihrem bisherigen Erscheinungsbild eines Tages in die Erde fällt und erstirbt, wie das Weizenkorn, das nicht allein bleiben kann, sondern erstirbt, aber gerade dadurch Früchte bringt.

Und so ist es schließlich:

> diese visionäre Sicht einer selbstbestimmten Menschheit voller kultureller und individueller Eigenständigkeit, 
> diese Vision einer Welt, in der als oberstes Ziel die Aussöhnung von Natur und Kultur und Lebensqualität statt im Erwerb von immer mehr Dingen, in der Identifikation mit immer größeren Einheiten (vielleicht sogar mit dem Kosmos) gesehen wird, 
> dieser Ur-topos, dieses Nicht- oder besser: Noch-nicht-Seiende, zu dem wir seit 150 Jahren mit dem Modell einer dogmenfreien pantheistischen und humanistischen Gemeinschaft ein bescheidenes Mosaiksteinchen beitragen konnten, 
> diese Zukunft ist es, aus der in Wahrheit die Impulse für unser Tun und Denken kommen und aus der wir (dankbar und nur ein bißchen stolz) in die Vergangenheit zurückgeblickt haben.

ECKHART PILICK

Wege ohne Dogma. Heft 8/9 1996