Harmonie und Griesbrei
  Zur Verabschiedung von Pfarrer Helmut Manteuffel 

Überschattet vom Leiden und vom Tod unseres Kollegen Udo Becker am Sonntag vor zwei Wochen - er hätte sonst heute hier die Laudatio gehalten - sollen wir nun ein fröhliches Fest feiern? Das geht eigentlich nicht. Auch wenn unser Freund gewiss darauf bestanden hätte, mit einem Scherz auf den Lippen seiner zu gedenken, war er selber doch bei aller Seriosität und Würde seiner Amtsführung immer von unbändiger Lebensfreude, voller Ironie und Humor und eine Quelle unerschöpflicher (oft makabrer) Witze. 

Aber vielleicht, Helmut, ist es auch gar kein fröhlicher Anlass, Dich aus dem aktiven Dienst zu verabschieden? Denn: Partir, c'est mourir un peu, Abreisen heißt ein bisschen Sterben. 

Lass' es Dir von einem, der dir vorausgegangen ist, gesagt sein, lieber Kollege: Dir wird etwas Bitteres bevorstehen! Trotz der Freude, die Du mit Deiner Abreise aus dem Berufsleben bereitest - Dir selber zunächst, doch wahrscheinlich auch anderen, Deiner Ursula bestimmt! 

Sie ist übrigens die 2. Frau, die ihm den Kopf verdreht hat; die erste war seine Patentante, die ihm bei seiner Taufe den Kopf verdrehen musste, um ihn für Pfarrer Max Gehrmanns Wassertropfen in die adäquate Richtung zu biegen. Sie sehen: Er hat bei all seiner ihm eigenen klugen Kompromissbereitschaft, die ja nur diejenigen aufbringen können, die selber über tiefe Überzeugungen verfügen, schon früh seinen eigenen Kopf durchgesetzt. Das scheint nur paradox, denn die Hingabe, mit der HM fast 4 Jahrzehnte seine Arbeit getan, mit der er pastorale Betreuung ebenso wie Erbauung geleistet, der nicht nur freie Religiosität gepredigt und gelehrt, sondern auch gelebt hat, erfordert Beharrlichkeit und einen eigenen, harten Schädel. 

Aus der freireligiösen Taufe, die ihm beinahe das Genick gebrochen hätte, trägt er bis heute ein lästiges HWS-Syndrom davon.

Selbständigkeit im Glauben und Denken hat halt seinen Preis. Wotan, der bereits unermessliches Wissen besaß, musste ein Auge hergeben, um Weisheit zu erlangen. Diese bekommt man eben nicht ohne Schmerzen, nicht ohne etwas aufzugeben. Um auf die äußeren Dinge zu blicken, reicht zur Not ein einziges. Um von ihrem äußeren Schein und ihrer Scheinbarkeit abzusehen, um den Kern zu erkennen, bedarf es einer Schau nach Innen, des Gefühls, in einem Wesens-Zusammenhang zu stehen mit jener schöpferischen Mächtigkeit, die die einen mit der Chiffre "Gott", die anderen "Brahman" und wieder andere "Gott-Natur" oder "Uni-versum" (übersetzt: das nach außen gewendete Eine) nennen. Die Religiosität hinter den Religionen zu erspüren, um mehr Wirklichkeit zu erfahren, das hat HM immer angestrebt. Seine Bescheidenheit rührt daher, dass, wie er mir einmal geschrieben hat, "das religiöse Geheimnis allen Seins" nur unzulänglich in Worte gefasst werden kann. Er musste es immer wieder tun, aber er hat es im Bewusstsein getan, dass die ewige Wahrheit nicht in einem einzigen Buch versteckt, die Suche entscheidend und trotz des eigenen festen Standpunktes der Dialog unerlässlich ist. Die Freireligiösen und die Unitarier sind wohl die einzige Religion, die von ihren Mitgliedern fordert, die Wahrheit auch in anderen als der eigenen zu suchen.

Das HWS-Syndrom macht ihm jetzt weniger zu schaffen. Er besucht erfolgreich und mit großer Freude einen Fitnesskurs, obwohl er als Gymnasiast im Turnen noch schlechter war als in Englisch. Ausgerechnet dieser durchgeistigte Typ will nun Schwarzenegger Konkurrenz machen. Aber er hat ja auch nach dem Abitur und seinem Studium (der Theologie, Religionswissenschaft und Psychologie in Marburg) an der kalifornischen Universität Berkeley seine Prüfungen zum Teil mit Auszeichnung absolviert! Paradox? Keineswegs: Er betrachtet Weiterbildung (und Bodybuilding gehört durchaus dazu) als Herausforderung. Nicht, daß Sie aus meinen Ausführungen entnehmen, er sei früher kein guter Schüler gewesen. In Mathematik, Physik und Chemie war er damals sehr gut - dafür kann er komischerweise heute "Camcorder" nicht von "Kasettenrecorder" unterscheiden, hält "e-mail" immer noch für einen männlichen Vornamen und denkt bei dem Wort "Server" an einen Messdiener. 

Was ich sagen wollte, lieber Kollege, dass Dir trotz aller Freude auf Deinen bevorstehenden Ruhestand, bei all der freien Zeit, der Muße besser gesagt, die Du gewinnst, 
(das Jahr hat 8756 Stunden, 3000 davon sind biologisch festgelegt für Schlafen Essen und andere angenehmen Dinge, 2 bis 3000 Stunden hattest du für deinen oft aufreibenden Dienst einschließlich deiner stets intellektuell redlichen und profunden Vorbereitungen zu veranschlagen, so daß dir künftig nicht mehr nur 2- bis 3ooo, sondern doppelt so viele Stunden zur freien Verfügung stehen werden, in denen du tun kannst, was du willst)
dass dir trotzdem etwas Bitteres bevorsteht!

Nicht, dass dir bewusst wird, wie ersetzbar du bist. Das sollte dir eher zur Freude gereichen. Das ist eigentlich die paradoxe Aufgabe des freireligiösen Pfarrers, durch seine Arbeit für die Gemeinde wie den Einzelnen dennoch bestrebt zu sein, sich selbst überflüssig zu machen. Das ist die Konsequenz aus dem protestantischen Ziel, "die Priesterschaft aller Gläubigen" anzustreben. Dir war ein Anliegen, dass jeder sein eigenes Credo formulieren könne, weil die Freie Religion nichts zum Auswendiglernen ist. Nicht der nämlich ist nach Meinung des großen Theologen Schleiermacher religiös, der zu Hause eine Bibel hat, sondern der, der u. U. eine schreiben könnte.

In seiner Offenbacher Gemeinde, geistig geprägt vom legendären Max Gehrmann, neu organisiert von dessen Sohn Dieter Gehrmann, hat HM hier die Rolle des Vermittlers, sozusagen des heiligen Geistes, zwischen Tradition und Aufbruch übernommen. Er hat Verbindungen geknüpft. Dazu war er prädestiniert, ist der jüngste Jugendgruppenleiter der Gemeinde gewesen und hat bereits als 16jähriger die Offenbacher Delegation zur Konferenz der IRF in die Schweiz geführt. (Und wieder zurück!). Er ist sogar Präsident der IARF gewesen. Als Pfarrer hat er die Fäden zusammengehalten und kontinuierlich den Wandel weg von der Pfarrerleitfigur hin zur Gemeindemitglieder-Selbstbestimmung vollzogen. Jeder sollte in die Lage gebracht werden, sein eigenes Glaubensbekenntnis zu entwickeln. Das stand immer im Hintergrund seines Tuns, seiner Belehrungen und Lehren, vor allem in seinen Oberstufenunterricht, in den theologischen Sprechstunden sowie in Seminarreihen. 

Das hat mit Aufklärung im Sinne Kants zu tun: dem Mut, sich seines eigenen Verstandes auch in Religionsdingen zu bedienen. Das hat auch mit Würde zu tun. Würde ist das, was man nicht kaufen, was nicht durch ein Äquivalent ausgetauscht werden kann. Damit hat HM sich als wahrer Seelsorger erwiesen, indem er dem Einzelnen zu mehr Selbstbewusstsein, zu mehr innerem Halt und mehr Wirklichkeit verholfen hast.

Was ist Wirklichkeit? Das "Geheimnis des Seins", um noch einmal deine Worte zu bemühen, kann letztlich nicht dingfest gemacht werden. Für Einstein stand das Geheimnisvolle an der Wiege wahrer Kunst und Wissenschaft. Es kann aber in uns zum Bewusstsein gelangen, religiös gefasst werden im Symbol. Das ist freireligiöser Glaube. Du hast ihn vertreten niemals apodiktisch, niemals fanatisch, niemals intolerant - und dennoch niemals beliebig, oberflächlich und vordergründig.

So habe ich dich kennen gelernt 1970 bald nach meinem Amtsantritt. Mir fiel in Diskussionen und Beratungen schon seinerzeit ein für dich charakteristisches Harmoniebedürfnis auf, ferner deine Achtsamkeit. Dir entging niemals, wenn einer etwas äußern wollte, der nicht gewohnt war, das Wort zu ergreifen, wenn einer unterbrochen wurde. Du hast die Wortgefechte und Debatten abgewartet und dann den abgerissenen Faden wieder aufgegriffen. (Du hattest nach dem Abitur erwogen, Richter zu werden.) Frau Dr. Lilo Schlötermann (sie ist jetzt 92 Jahre alt) rief mich gestern an und bat mich, dir alle guten Wünsche zu übermitteln. "Ich denke gern an die harmonische Zusammenarbeit mit Manteuffel im Rahmen des Südwestverbandes freireligiöser Gemeinden und der IARF zurück, an seine Kollegialität und verständige, ruhige Art." Und sie fügte, mit einem mich leicht irritierenden Unterton hinzu: "Helmut Manteuffel ist nie aus der Haut gefahren."

Suchen nach Übereinstimmung und Gemeinsamkeiten - statt die eigene Meinung auf Biegen und Brechen durchzusetzen (was Spiritualität voraussetzt)
Integrieren statt auszugrenzen (was seelische Stärke voraussetzt)
Fragen stellen statt zu kontern (was Anteilnahme voraussetzt)
Kompromisse mit den Gegnern finden - statt Recht um jeden Preis behalten wollen (was Offenheit voraussetzt)
Immer wieder zu differenzieren und andere Möglichkeiten zu erwägen, ohne seine eigenen Überzeugungen aufzugeben,
aber trotzdem eher zurückzustecken als Gefühle des andern zu verletzen-

das sind Merkmale seines Persönlichkeitsprofils. Darum waren ihm Polemiken und Kirchenkampf zuwider, weil er genau wusste, dass man den Nektar des freien Geistes nicht aus den Schädeln erschlagener Pfaffen schlürfen kann.

Das alles zeichnet Ihren Pfarrer Manteuffel aus. (Über seine vielen Fehler sprechen wir später.) Natürlich gab es Spannungen. Ein hohes Niveau anzustreben und gleichwohl bildhaft für jedermann verständlich zu bleiben. Immer im Dienst zu sein und doch seine Privatsphäre schützen (geht kaum). Die Symbole in Kongruenz zur Alltagssprache zu bringen - das führt zuweilen zu Einsamkeit. 

Zwischen der Gemeinde einerseits und dem Ziel, die Idee der freien Religion (mit den beiden Polen sozialer "Humanismus" hier und mystisch vertiefter "Pantheismus" dort) höher zu stellen als die Interessen der Institution, die Kontakte zu anderen zu festigen - dabei die Balance zu halten, das belastet die Psyche. Und wir haben doch selber keinen Seelsorger.

HM wäre gewiss ein guter Arzt geworden, und in der Tat ist seine Entscheidung, nicht Medizin zu studieren, relativ spät gefallen. Immerhin hat er sich in Krankenhaus-Seelsorge ausbilden lassen. Und ein Seelenarzt bist du ja auch manch einen geworden.

Wunden durch polarisierende, gemeinde-spaltende Kollegen (Jelsey) haben dir einst viel zu schaffen gemacht. Dir ist so manches zu Herzen gegangen. Manches hast du dir zu Herzen genommen. Aber du hast dich dadurch nicht paralysieren lassen, sondern solche Kränkungen durch noch mehr Arbeit und Integrationsbemühungen kompensiert zum Wohle der Gemeinde, die dich ab heute in Ruhe lässt. Von mir wirst du die abgegriffenen Vokabeln "wohlverdient" und "Unruhestand" heute nicht hören (jetzt hast du sie doch gehört).

Sie, liebe Offenbacher Gesinnungsfreunde, wissen noch viel besser als ich, was Sie an ihm hatten.

Dafür weiß ich was, was Sie nicht wissen!

Seit Jahren beschäftige ich mich mit Archivalien, Autographen und sonstigen Quellen, um herauszufinden, welche Persönlichkeiten (neben Blum und Ronge, Kollwitz oder Feininger, Gervinus oder Duller usw.) sich zu unserer freien Religion bekannt und - nein, nicht was sie von Goethe zitiert haben! - wie sie wurden und gewirkt haben. Erst rückschauend auf das Gewesene kann man das Wesen erkennen. Es ist z.B. wichtig zu wissen, dass unsere Gründer keine neue Religion, keine Sekte stiften, sondern eine Reformation anstrebten. Zahlreiche liberale Juden gehörten neben Katholiken und Protestanten zu unserer Bewegung.

Uns liegen nun Autographen aus der Frühzeit seines Werdeganges vor, die zwar von der Forschung noch nicht ausgewertet worden sind, auch über den oder die Adressaten liegen noch keine gesicherten Erkenntnisse vor. Hinwiederum werfen sie Licht auf das Dunkel der Manteufflischen Entwicklung. Ich möchte Ihnen, meine Damen und Herren, ohne das Einverständnis des Betreffenden, besser: des Betroffenen, einige bemerkenswerte Stellen verraten, die Charakter und Wesen des damals 20-22 Jahren alten Studenten beleuchten, ihn uns menschlich noch näher bringen und insbesondere Antwort geben auf die Fragen:

1. Woran der Manteuffel gespart hat und woran nicht
2. Wie der Manteuffel seine Hauptnahrungsmittel zubereitet
3. Was der Manteuffel getrieben hat, um an anderer Leute Geld zu kommen
4. Warum der Manteuffel ein guter Lehrer war und weshalb ihn das so geärgert hat
5. Warum der Manteuffel anpassungsfähig war und trotzdem in der Fremde ein echter Deutscher geblieben ist

Unsere wirtschaftwunderverwöhnten Landsleute wurden 1961/62 durch den Maßhalte-Appell des Ministers Heinz Erhardt aufgerüttelt. Davon blieb der junge Studiosus in Amerika unberührt, jedenfalls hat er ihn nur zum Teil befolgt. Er hat freilich, wie aus seinen maschinenschriftlichen Briefen von vor über 40 Jahren eindeutig hervorgeht, nur 1 Dollar fürs Haareschneiden ausgegeben an einen seiner Kommilitonen - beim Friseur hätte er 2 Dollar bezahlen müssen. (Merken sie, dass es kein Zufall, sondern Anlage war, dass er sich so pedantisch um Haushaltspläne gekümmert hat? Er wäre beinah Bankkaufmann geworden, die Lehrstelle war schon reserviert.) Lediglich seine Studiengebühren und auch diese nur teilweise wurden von der Stiftung getragen, keinesfalls Ausgaben für Kosmetik. Eine Studentin hätte wahrscheinlich mehr gebraucht. Aber Offenbach zog offenbar den Manteuffel einem Weibsteufel vor. Gut. Beim Haareschneiden hat er also gespart. (Sieht man ihm irgendwie heute noch an). Immerhin hat er sie sich schneiden lassen, vielleicht aus Furcht, es könne ihm so ergehen wie weiland Johannes Ronge. Der verteidigte sich nämlich in einem Schreiben an das Bistum, erstens seien seine Locken nicht länger als normal und zweitens müsse er sie wegen permanenter Kopfschmerzen länger tragen. Bei HM verbuchen wir dies als Zeichen dafür, dass ihm Sein wichtiger war als Schein, seinen Kopf in erster Linie nicht zum Haareschneiden besaß. Aber, meine Damen und Herrn, sage und schreibe 20 bis 25 Dollars gab er monatlich für Lebensmittel aus. (Brief v.3.1.62). Das war die halbe Miete! Unmengen Griesbrei muss er konsumiert haben. Aber:

"Meine Hauptmahlzeit sind Haferflocken", schreibt er und teilt genüsslich die verschiedenen Variationsmöglichkeiten mit; er vertilgt sie nämlich nach eigenen Angaben abwechselnd
+ trocken
+ naß
+ heiß
+ kalt
+ süß
+ salzig
+ mit Kakao
+ mit Rosinen
+ mit Obst

Getreide ist die mystische Speise schlechthin. Man sah darin das Mark der Erde (wie schon Görres in seiner christlichen Mystik betont). Es lässt sich leicht und lange aufbewahren, kann überall gedeihen und braucht doch überall den Segen des Himmels, ist darum Symbol der Gnadenfülle. Erde und Himmel wirken gemeinsam in ihm. Es gleicht damit dem Wort, dem Logos - und letztlich gleicht es ihm, dem HM.

Ludwig Feuerbach hat man seine berühmte Formel: "Der Mensch ist, was er ißt" um die Ohren gehauen. Damit hat er doch nur zugespitzt vorweggenommen die moderne Einsicht, daß Erkenntnis nicht nur eine Angelegenheit des Hirns ist, sondern der ganze Körper daran beteiligt ist. Ein kleines Kind erkennt die Welt, indem es sie sich in den Mund stopft. Dieses sog. partizipierende Bewusstsein ist das Fundament unseres Wissens. Nur dadurch können wir uns eins fühlen mit uns selbst, mit der Natur, mit jener schöpferischen Kraft, für die es so viele Namen gibt. 

Die einst womöglich fruchtbare und segensreiche, heute jedoch verhängnisvolle Dichotomie von Gott und Welt, Natur und Mensch nicht nur in Gedanken - das haben Giordano Bruno, Goethe und andere Pantheisten auch schon getan - sondern in der Praxis aufgehoben, eine Religionsgemeinschaft auf dieser Grundlage organisiert und am Leben gehalten und dadurch die Ganzheit des menschlichen Wesens wieder in den Blickpunkt gerückt zu haben - das war die kulturhistorische Bedeutung der freireligiösen Gemeinde. Dass sie nicht ohne Sinne, nicht bloß durch digitales, sondern allein durch die Einbeziehung analogen Wissens darauf einen Kultus gründen können, hat sich leider nicht überall herumgesprochen. Wer ihn nur auf einem wissenschaftlichen Weltbild stützt (das es im übrigen gar nicht gibt), wird seine Gemeinde am Ende nur noch mit physikalischen Vorträgen oder Dias vom letzten Urlaub erbauen.

Manteuffel hat schon während seines abstrakten Philosophie- und Theologiestudiums - und seine präzisen Kollegmitschriften waren bei seinen Kommilitoninnen höchst begehrt - immerhin parallel einen Kurs für Sportstudentinnen und -studenten in "Gruppen- und Volkstanz" belegt, Körper und Geist als Einheit erfahren wollen. Sinnlichkeit und Intellekt, Materie und Geist als zwei Seiten derselben Medaille zu betrachten lehrt uns die Freie Religion.

Und damit bin ich wieder bei der Individuation Ihres Geistlichen angelangt, bei den intimen Briefen aus seinem Studentenleben in Amerika, aus denen ich hier (wie gesagt ohne seine Erlaubnis eingeholt zu haben) einiges ausplaudern möchte, das den Werdegang seines persönlichen Zentrums beleuchtet. 

Einen breiten Raum nehmen darin neben akademischen Fragen wie gesagt solche Bemerkungen ein, die sich ums Essen drehen. Er bedankt sich für Kochrezepte und bittet um neue (vor allem für Hackfleischsaucen), beruhigt den oder die Adressaten schon zu Beginn mit den Worten: "Keine Angst, ich verhungere schon nicht", schildert ausführlich seine Erlebnisse im (in Deutschland damals noch unbekannten) verführerischen Supermarkt und die vollen Einkaufswagen (11.9.61), lässt bei Pfr. Dieter Gehrmann und Frau (am 26.8.61) anfragen, ob es in den USA Grieß gibt und wie er genannt wird ("cream of wheat"), teilt mit, dass er sich selbst zu seinem 21.Geburtstag einen Kuchen, pardon: zwei Kuchen backt und er jetzt als Volljähriger endlich Alkohol kaufen darf (23.9.61). 

Sein Kühlschrank, teilt er verzückt mit, ist fast so groß wie er, er kauft auch "immer die Sonderangebote in Menge" (sic!) und gesteht, ich zitiere, "überhaupt sind meine Einkäufe immer riesig."

Bald hat er freilich nicht mehr so viel Zeit zum Kochen und Backen. Er jobt ja nebenbei und lernt oft "bis zum Umfallen" (23.9.62), manchmal zwei Tage und Nächte durch. "Ihr wisst", schreibt er nicht ohne Stolz, "dass ich ...nicht so leicht etwas aufgebe, was ich einmal angefangen habe." Nun macht er "meistens schnelles Essen" (3.1.62) - die Kenntnis der Bezeichnung "fast food" kann er beim Empfänger ja noch nicht voraussetzen - und gesteht: "Eine Essenszeit habe ich nicht, ich esse halt, wenn ich Hunger habe". 
So kennen Sie ihn alle: Unermüdlich, ausdauernd und zäh - 39 Jahre lang.

Wir wissen nun also, woran er gespart und nicht gespart hat. Wie anpassungsfähig er ist, wurde auch ersichtlich. Wenden wir uns nu den verfänglichen Stellen zu, aus denen hervorgeht, wie groß sein pädagogischer Eros schon damals entwickelt gewesen sein musste, und warum ihn das geärgert hat.

HM brauchte Geld. Womit hätte er es sich verdienen können? Wir Pfarrer haben ja nichts gelernt. Als Student aus Deutschland kriegte er natürlich offiziell keine Arbeitserlaubnis. Alle Jobs wurden privat vermittelt. Von seiner Tätigkeit als Hausmann erzählt er zuweilen. Wussten Sie aber, dass der zarte Jüngling auch als Möbelpacker geschuftet hat? "Es ist schon manchmal hart" stöhnt er (im Br. v.3.1.62). Vermutlich wegen der traditionellen Affinität der frei-religiösen Gemeinde Offenbach zum Katholizismus (der legendäre Max Gehrmann war ursprünglich katholischer Priester gewesen) übt er das Knien, indem er mit der Wurzelbürste in der Hand Teppiche reinigt. Er macht "Kinderwache" (wie der Junggeselle den englischen Ausdruck übersetzt), d.h. er "bewacht" Kinder sowie Katzen, Hunde und Schildkröten; in einer anderen Familie muß er den Osterhasen spielen; arbeitet zuweilen, schlecht bezahlt, als Gärtner. Dann als Kellner, Müllentsorger und - tatsächlich: - als Schlangenfütterer. Schließlich erwähnt er dann in einem Brief die Haupteinnahmequelle, seine Deutschstunden nämlich, die er einem Privatschüler erteilt. "Er ist ein Dr. der Medizin ... ihm knöpfe ich 15$ ab, so dass dies etwa die Miete deckt..." Der Manteuffel unterrichtet allerdings so gut und der Schüler macht so rasante Fortschritte, "so dass", wie der Student der Gottesgelehrsamkeit bang vermerkt, "so dass ich befürchten muss, dass er nicht mehr allzu lang bleibt." (3.1.61) Er sägt am Ast, auf dem er hockt. Am 20. März 1962 ist es dann soweit. Zerknirscht teilt er mit: "Mein Deutsch-Dr. wird wohl nicht mehr kommen," so geht das halt, wenn man ein zu guter Lehrer ist! "Diese Einnahmequelle", fährt er fort, "ist also versiegt. Ich werde die Wohnung kündigen..."

Unser Studiosus paukt unglaublich fleißig und erfolgreich für seine Ausbildung; (soll uns hier im einzelnen aber nicht so sehr interessieren, denn Sie erkannten ihn ja an den Früchten). Festzuhalten bleibt, dass dieser gesellige Individualist HM im Fach "Entwicklung der Persönlichkeit in der Gruppe" sehr gute Noten bekommt. Sie haben richtig gehört, auch solche Gebiete sind im Star King College in Berkeley Unterrichtsfach! 

Und nebenbei all die Jobs, um sich zentnerweise Grießbrei leisten zu können.

Er arbeitet (Brief v. 15.5.62) als Butler für einen gewissen Mr. Hutchen, er "ist",ich zitiere, "etwa (sic!) Rechtsanwalt", zu dem, so wörtlich Manteuffel, "eine Negerfrau zum Saubermachen kommt". Manteuffel schreibt mit rührender Offenherzigkeit: "Ich mache ihm Frühstück und Hauptmahlzeit. Da er bezahlt, essen wir natürlich ziemlich gut.... Jede Woche gehen etwa 2 Liter (half a gallon) Gin oder Wodka drauf." Die Forschung wird noch zu klären haben, ob zum Frühstück? Oder zur Hauptmahlzeit? Ob nur für Mr. Hutchen ("etwa Rechtsanwalt") ? Oder nur für den aufmerksamen Butler ? Oder für beide? 

Flexibel, vielseitig, anpassungsfähig, hilfsbereit und pflichtbewusst muss HM also schon früher gewesen sein, wahrscheinlich auch abwägend und in gewisser Weise pingelig. Das Schlangenfüttern war sicher eine gute Voraussetzung für Deinen späteren Beruf. Bei aller Integrationsfähigkeit ist er aber ein echter Deutscher geblieben, treu den Sitten seiner Heimat. Ich meine nicht die Tatsache, dass er so hingebungsvoll Deutsch unterrichtet hat, um der Sache selbst willen, nicht des Profits wegen. (Freireligiöser Pfarrer wird man nicht des Geldes wegen.) Nein ich meine das, was ich zwischen den Zeilen eines seiner Briefe herauslese, in dem er über die Silvesterfeier berichtet. Sie sei "allgemein lustig und aufgeheitert" gewesen, schreibt er, um dann hinzuzufügen, dass man einen Menschen in solcher doch nur angeheiterten Stimmung in den Vereinigten Staaten schon "drunken", "betrunken" nennt. Hieran erkennen Sie, dass im lust- und triebfeindlichen Amerika calvinistischer Prägung unser Jüngling, der gerade mal 21 geworden ist und erst seit ein paar Monaten Alkohol kaufen darf, echt deutsche Maßstäbe anlegt, nicht korrumpierbar ist, sondern die Fahne hochhält. 

Er lernt zu differenzieren, zu relativieren (freireligiös heißt ja, Wahrheiten und Glaubenssätze nie als Dogmen aufzustellen), lernt für die Schule und das Leben, verdient Geld und gibt es wieder aus, schuftet und feiert. Er führt, so heißt es am Schluss des Briefes v. 30.4., "ein Leben in Extremen".

Weihnachten scheint er mutterseelenallein verbracht zu haben; er hat sich am Heilabend selber Lieder auf der Mundharmonika vorgespielt, versucht, gleichzeitig zu singen und viel Süßigkeiten dabei zu essen.(1.3.62). 

Sonderbarerweise braucht der junge Mann bei all dieser seelischen, geistigen und physischen Belastung keinen Arzt. (Br.v.4.11.61). Noch vier Monate später (am 3.1.62) fühlt er sich gesund und schreibt: 

"Etwas, was ich von der Schule noch nicht in Anspruch genommen habe, ist Unterstützungsgeld für die Behandlung bei einem Psychotherapeuten". Ebenso bang wie lapidar fügt er hinzu: "Kommt vielleicht noch."
Nun, es ist nicht gekommen. Stabil hat er die Wirren der Zeit überstanden wie im Sturm ein Baum mit tiefen Wurzeln, Wurzeln, von denen ich hier einige beleuchten durfte. (D.h. gedurft habe ich es vielleicht gar nicht, Helmut? Ich hoffe auf deine Kraft zu Verzeihen, bzw. deine nun einsetzende Altersmilde.) Jedenfalls tragen diese frühen Zeugnisse aus der Studienzeit zum Verständnis bei, weshalb du auch in deinem Beruf in Extremen (wenn auch in anderen als früher) leben und bestehen konntest, immer für alles und jedes zuständig zu sein und für alles den Kopf hinzuhalten. 

Ich hub dreimal schon an, dir zu sagen, was denn dir als Prediger im Ruhestand so bitter bewusst werden wird trotz all der Freuden und Vorteile. (Du musst keine weißen Hemden mehr tragen. Du brauchst keine Tagesordnung mehr zu ertragen, bis am Ende beschlossen wird, was du schon am Anfang wusstest. Dein Mienenspiel darf sich entspannen und den würdevollen Zug lockern, der zu einem Talar gehört.) Nein, Amtsbruder, das Bittere wird sein, dass dir hinfort keiner mehr ohne dich zu unterbrechen eine halbe Stunde zuhört.

Der Vorsteher Deiner Offenbacher Gemeinde, Ulrich Urban, wird Dir nun die Anerkennungs- und Abschieds-Urkunde überreichen.

ECKHART PILICK