MONISMUS contra DUALISMUS - EVOLUTIONTHEORIE contra KREATIONISMUS

Freie Religion ist nicht fertig. Darum gibt es für sie keinen Katechismus. Ihre Ideen sind nicht in einem einzigen Buch versteckt. Es handelt sich um eine offene Geisteshaltung und nicht um ein in sich abgeschlossenes System. Sie ist keine Religion light. Ihre Grundsätze sind nichts zum Auswendiglernen. Der Zweifel und das ständige Fragen gehören zu ihrem Wesen. Das besondere ist, dass ihre Anhänger trotzdem ein Urvertrauen entwickeln zum Leben und zu dieser im steten Wandel begriffenen Welt. Diese wird monistisch, nicht dualistisch, vorgestellt. 

Der Monismus wurde in Deutschland als Bund (DMB) 1 organisiert im Jahr 5898 nach Erschaffung der Welt, folgt man der gewissenhaften Berechnung des Astronomen Johannes Kepler (1571-1630). Vor ihm hatte nach sorgfältigem Studium der Erzbischof James Ussher (1581-1656) die in der Heiligen Schrift verzeichneten 21 Generationen unter Berücksichtigung der unterschiedlich langen Lebenserwartung akribisch addiert - Adam lebte bekanntlich 930 Jahre, sein Enkel in der fünften Generation, Methusalem, gar 969 Jahre - und konnte so den göttlich bewirkten Auftritt des ersten Menschen präzis auf den 26. Oktober des Jahres 4004 vor Christus datieren. Obwohl Kepler das Datum um zwölf Jahre nach vorn korrigiert hatte, galt Usshers Chronologie 200 Jahre lang als verbindlich. Noch 1976 konnte der Verfasser in Amerika eine der Gideons-Bibeln aus dem Nachttisch eines Hotels stehlen, der diese Zeittafel angefügt war.

Bald nach Charles Darwins "On the Origin of Species by Means of Natural Selection", das 1859 in London erschienen war, begann die Rezeption der Evolutionstheorie in den freireligiösen Gemeinden, die sich im gleichen Jahr zum Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands (BFGD) zusammengeschlossen hatten. Sie waren durch ihre pantheistische Grundhaltung dazu prädestiniert, wie sie etwa schon von Eduard Baltzer und den Naturforschern Nees von Esenbeck oder Emil Adolf Roßmäßler2 begründet und verkündet worden war. Bereits auf der Gothaer Gründungsversammlung des BFGD wurde in der gemeinsamen Grundüberzeugung das "Entwicklungsprinzip" an die Stelle des "Offenbarungsprinzips" gesetzt, wie es expressis verbis die Berliner Freireligiöse Gemeinde auf der 3. Bundesversammlung 1865 in Gotha zu Protokoll gab. Die Gegensätze, die später im DMB auftraten, waren also bereits innerhalb der freireligiösen Gruppierung angelegt.

Die Freireligiösen selbst sahen nie eine Notwendigkeit, sich von den Monisten abzugrenzen. Sie waren den Streit um Religion und Weltanschauung in den eigenen Reihen gewohnt, sprachen rückblickend vielmehr von der "monistischen Welle" in ihrer Geschichte, die dadurch eine wesentliche Aufgabe erfüllt habe, wie Albert Heuer schrieb, "als sie dazu beitrug, dass in der großen Gemeinschaftsbewegung des ‚Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands' das monistische Weltbild und die wissenschaftlich begründete Weltanschauung alle anfänglichen Reste einer christlichen Bindung in einem echten Wandlungsprozess von nunmehr über hundert Jahren hat überwinden helfen ..." 3 

Der Monismus wurde feierlich, mutierte zu einer neuen Religion ohne theistischen Gott. Entscheidend war aber weniger, dieses einstmals als Neutrum benutzte Wort als Chiffre für die Totalität der Wirklichkeit, für die natura naturans, aus der Weltanschauung auszublenden, als vielmehr den Glauben an das Naturgesetze durchbrechende Wunder (Naturgesetz als Abkürzung für die bis jetzt lückenlos beobachtete Geschlossenheit des Kausalzusammenhangs) zu bekämpfen. Wenn aber die Materie insgesamt kausal strukturiert ist und Kausalität immer auch die Verknüpfung eines Vorher mit einem Nachher bedeutet, wie kann man sie dann als ursachlos, wie kann man Zeit aus Nicht-Zeit hervorgegangen denken? So wurde die Religion des Monismus denn auch nicht nur als Bejahung der Evolution, sondern ausdrücklich auch "als Bejahung des transzendentalen Untergrundes alles Seienden" und "als Bejahung der Gottnatur" gefasst.

Das in verwirrender Vielfalt expandierende unermessliche Universum in eins mit Gott als seinem Schöpfer und Lenker zu begreifen, war nicht mehr denknotwendig. Der Zufall trat an die Stelle des Gottes, jedenfalls des extramundanen und anthropopathischen Allvaters.

Flugs begann der fortgeschrittene - also der vom Dogmatismus fort geschrittene - Teil der Theologen, die neue Theorie zu adaptieren und sprach von der Evolution als von der Arbeitsweise Gottes, beweist doch der "Transformismus … streng genommen nichts für oder gegen Gott", der "die Dinge weniger "‚schafft', als dass ‚Er sie sich schaffen lässt', so Teilhard de Chardin.

Der christliche Kreationismus hat heute - vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika, in dessen Bible Belt hier und da wieder die Evolutionstheorie an christlichen Schulen geächtet wird - kaum an Popularität eingebüßt, der islamische sogar zugenommen. Das ist zwar vom monistischen Standpunkt bedauerlich, mag zum Trost für Monisten aber die Darwinsche Lehre vom Sieg des Stärkeren bestätigen.

Wachsender Wohlstand bedeutet also keineswegs das Schwinden der Religion. Der Theismus hat vereinzelt inzwischen sogar im Kreationismus namhafter Naturwissenschaftler Unterstützung gefunden. Andererseits wird man in der Stringtheorie eine neue Begründung des Monismus finden können, wonach die in elf Dimensionen schwingenden Strings das Monos, das eine und einzige elementare Prinzip sind.

Was freilich ist für die Erkenntnis gewonnen, wenn man das vielerlei Einzelne auf Weniges oder Eines zurückführen kann? Wenn man statt Gott "Monos" , das Eine, das Absolute, die Substanz, die Energie, das Unbewusste, die Gottnatur, der Urgrund des Seins, Brahma, die Materie, das schaffende Weltprinzip sagt? Die Frage bleibt: Wie soll ein Gegenüber das Nicht-Polare, das Ur-Eine fassen?

In den USA, wo die Hälfte der Einwohner noch nie etwas von der Evolutionstheorie gehört hat, entstand die Intelligent-Design-Theory (ID-Theorie) - sogar namhafte Biologen zählen zu ihren Befürwortern - die ihrerseits versucht, Glaube und Wissenschaft zu versöhnen. Sie gehen von einer irreduziblen Komplexität aus. Sie schließen "Zufall" und "Naturgesetze" als einzige Ursachen aus und suchen nach Design-Signalen, wie Ur-Zelle oder Elementarteilchen. Die organischen Strukturen, selbst die einfachsten, sind dergestalt komplex, dass sie ihrer Meinung nach auf intelligente Ursachen schließen lassen. Nur solche "können erreichen, was ungelenkten Mechanismen nicht möglich ist"(Professor Philipp E. Johnson).

Die nicht-fundamentalistischen Theisten anerkennen die Evolution für die lebende Materie, die sich zu immer höheren Organisationsformen aufschaukelt. Die Bausteine der gesamten Materie indessen, so wenden sie ein, hätten sich nicht im Kampf ums Dasein mit andersgearteten Elementarteilchen in einem Prozess entwickeln können. Sie mussten immer so gewesen sein, weil sie anders gar nicht existieren könnten. Lichtquanten, die beim Einschalten der Lampe entstehen, unterscheiden sich nicht von denen, die seit Milliarden Jahren unterwegs sind und aus der Tiefe des Universums kommen, eine Bestärkung für die Annahme eines intelligenten Designers vor Beginn der Evolution. Doch der freireligiöse Monist gibt sich nicht geschlagen. Beim Urknall, argumentiert er, gab es überhaupt noch keine Atome, sondern nur ein heißes Energiefeld oder einfachste oder eine im hohen Maße symmetrische Daseinsweise der Materie.

Hier könnte der Kreationist argumentieren, dass am Anfang eben ein intelligentes Sein die symmetrische Daseinsweise der Materie als heißes Energiefeld beim Urknall begründet haben müsse, aus dem sich dann Teilchen erst allmählich auskondensieren konnten. Erst nachdem die Quarks sich zu Protonen vereinigten und diese Elektronen einfingen, konnten in den Sternen höhere Elemente als Grundlage des Lebens ausgebrütet werden.

Die Anhänger der ID-Theorie betonen denn auch, der DNA-Code, von dem Charles Darwin noch nichts hat wissen können, sei dermaßen komplex, dass er nicht aus etwas Einfacherem habe hervorgehen können. Das meint z.B. der Biologe William Demski und bestreitet, dass ein solch komplexes Muster (pattern) zufällig entstanden sein solle.

Nun ist der Dualismus aber auch "natürlich". Das duale Verhalten des Lichts ist ein Beispiel. Nur durch Kontraste ist etwas überhaupt sichtbar und von einem anderen unterscheidbar. Urteilskraft beruht auf einem Teilen, auf dem Gegensatz von Ja und Nein. Entwicklung setzt Polarität voraus. Das Gehirn ist in eine linke und rechte Hemisphäre geschieden. In seinem Buch "Schöpfung ohne Schöpfer" geht P. W. Atkins - um die Konfusion für Freireligiöse und Monisten perfekt zu machen: Er ist Atheist - von einem dualistischen Prinzip aus: "Der Ursprung des Universums ist ein Staub von binären Formen."

Gott als Schöpfer aus dem Nichts ist zwar unvorstellbar - woher hätte er das Material nehmen sollen -, Gott als Erhalter und Behüter der Evolution ist zwar überflüssig, allerdings beantworten die an seine Stelle gesetzten Hypostasierungen "Substanz" (Spinoza/Haeckel) oder "Energie"(Ostwald) oder "Natur" oder "Materie" ebenso wenig die Fragen nach dem Entstehen des Vielen aus dem Einen, des Komplexen aus dem Unstrukturierten, des Bewusstseins aus dem Unbewussten. Was war am Anfang?

Die Welt ist heute seit Ussher und Kepler um zehn bis vierzehn Milliarden Jahre älter geworden, der Mensch um rund drei Millionen Jahre. Die Naturwissenschaft hat sie als sich selbst organisierende Materie aus ihr inne wohnenden Eigenschaften verstanden und die Gesetzmäßigkeit des Werdens erforscht. Die Phase der Wirksamkeit eines extramundanen Schöpfers ist auf den rätselhaften Augenblick unmittelbar nach dem Urknall (und natürlich auf alles, was "davor" gewesen sein mag) geschrumpft. Was sich ab 10-35 Sekunden danach abspielte, vermag die Physik einigermaßen zuverlässig zu beschreiben.

Sein oder Design - die Diskussion über die Kernfragen sind immer noch aktuell. Aber wir sind ja auf der Welt, um Fragen zu stellen.

ECKHART PILICK
In: 
150 Jahre BFGD Ohne Ort und ohne Jahr (2009).

1 Gekürzte und veränderte Abhandlung über den Monismus des Deutschen Monistenbundes (DMB) "Zwischen Theorie und Glauben. Disparate Tendenzen im Monismus". In: Lentz/Müller, Darwin und die Folgen. Lentz Verlag 2007.
2 Zu Eduard Baltzer, Nees von Esenbeck und Gustav Adolph Rossmässler siehe meine Artikel im "Lexikon freireligiöser Personen".
3 Albert Heuer in: Die Freireligiöse Bewegung - Wesen und Auftrag. Hrsg. vom BFGD o. O. und o. J. (1959), S. 281.