50 Jahre Freireligiöse Verlagsbuchhandlung
  Ein Rückblick 

Abschiedsrede von Eckhart Pilick am 21. Mai 2000 im Herzogenriedpark in Mannheim

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde einer freien Religion!
Weihnachten ist ein schönes Fest. Wenn die Tage am kürzesten sind und die Dunkelheit am größten ist; wenn der jungfräuliche Schnee das Land wie mit einem weißen Tuch bedeckt, dann kommt bald der Nikolaus mit seinem großen Sack. Kalt und ungemütlich ist es draußen, aber drinnen wird es einem warm ums Herz, wenn man sich gegenseitig beschenkt.
Die eindrucksvollen Winter- und Weihnachtsfeiern im Dezember 1969 boten mir (also noch vor meiner Probezeit) eine willkommene Gelegenheit, Sie und Euch, die Mitglieder der freireligiösen Gemeinden landauf landab, kennenzulernen, aber auch Bräuche, die ich noch nicht kannte, Lieder, deren Melodien mir vertraut vorkamen, deren Texte ich aber noch nie gehört hatte. In Mannheim gab es einen geschmückten Baum, Kerzen, Tannengrün, Gebäck und Getränke und Gesang; das alles war ich gewohnt. Doch dann wurde ich aktiver Zeuge eines Rituals, das mir, der ich bisher das Fest nur im Familienkreis gefeiert hatte, noch niemals zuvor begegnet war:

Ein großer Jutesack voller Päckchen, sozusagen der verselbständigte Sack des Weihnachtsmanns, wurde herumgetragen, in den jeder Besucher zuvor irgendein in buntes Papier gewickeltes beliebiges Geschenk versenkt hatte, und aus dem nun beim Höhepunkt des Abends jeder Anwesende irgendein anderes Äquivalent herausangeln durfte. So hatte man beispielsweise eine kleine Vase gespendet und packte nun auf's Angenehmste beglückt eine Bonbonnière aus, gab vielleicht eine Brosche her und erhielt jetzt einen schmucken Aschenbecher.

Mir fiel indessen bald auf, daß die meisten, besonders die Älteren, Erfahrenen, ziemlich lange, um sich besser zu konzentrieren oft mit geschlossenen Augen, in dem Gabenallerlei herumwühlten, offenbar um dem Zufall ein Schnippchen zu schlagen und den Inhalt zu ertasten. Und allmählich kam ich dahinter, daß diese Freireligiösen bestimmte Sachen unbedingt verschmähten, die nun in der Tat durch die taktile Sinneskraft leicht zu erraten waren, nämlich: Die Bücher der freireligiösen Verlagsbuchhandlung (FVB).

Offensichtlich wollte man lieber ein Stück Seife herausfischen als das "Bekenntnis zu Goethe", zog ein Paar von der Frauen- und Seniorengruppe gefertigte fersenverstärkte Wollsocken dem "Aufruhr der Jugend" vor. Unsere Bücher blieben immer übrig und wurden am Schluß verschenkt.

Der sogenannte "Krabbelsack" kam 1974 aus der Mode und mit ihm ein bewährtes Vertriebssystem der Buchhandlung, vielleicht sogar eine Art Symbol der Freireligiösen Gemeinde, vereinigt er doch die Gleichwertigkeit des Einzelnen im Ganzen, versöhnt Kontingenz mit eigener Willensfreiheit, ist gemeinschaftsfördernd, bleibt immer derselbe und trotzdem jedesmal voller Überraschungen.

Doch ich bin beauftragt, heute im Gutenbergjahr 2000 über das Jubiläum der vor einem halben Jahrhundert zu Ostern 1950 in Mannheim gegründeten FVB zu reden und nicht über Symbole. (Zur Symbolik der freireligiösen Feiern können Sie einen tiefsinnigen Artikel in Heinz Schlötermanns "Säkulare Religion" nachlesen, das die FVB 1968 herausgegeben hat.)

Ich bin vielleicht zu dieser Laudatio besonders geeignet, weil von mir in den 30 Jahren meiner Dienstzeit kein Buch verlegt worden ist, ausgenommen das "Weihnachtsbuch für Nichtchristen und solche, die es werden wollen: FREUE DICH O CHRIST UND HEID", eine Auftragsarbeit der Freireligiösen Landesgemeinde Baden und des damaligen Vorsitzenden und Verlagsleiters Harald Bender, ein Büchlein übrigens von der Größe einer Tafel Schokolade, das mit Weihnachtspapier getarnt wie geschaffen wäre für den Krabbelsack, mit Beiträgen, über die noch Ihre Enkel bestimmt den Kopf schütteln werden. Ich habe allerdings auch "Die Mission der Deutschkatholiken" von Gervinus in der Verlagsbuchhandlung neu herausgegeben. Der Grund war, daß bis dahin außer mir keiner gewußt hat, daß dieser berühmte Gelehrte tatsächlich eingeschriebenes Mitglied der Freireligiösen Gemeinde gewesen ist. Ein Historiker, der über ihn promoviert hatte, bestritt meine Behauptung; ich konnte sie belegen und er bedankte sich in einer wissenschaftlichen Publikation dafür. Endlich einmal zusammenzufassen, wer alles zur freireligiösen Bewegung gehört hatte, diente auch das von mir herausgegebene "Lexikon frei religiöser Personen", das zwar nicht in der FVB erschienen ist, aber durch diese bezogen werden kann. Alle namentlich nicht unterzeichneten Artikel darin habe ich selbst recherchiert und verfaßt. Aus Kostengründen und wegen des enormen Zeitdrucks konnten nur etwas über 100 Namen behandelt werden. Ich habe mich doch gewundert, daß ein Kollege, der die Problematik genau kannte und Gelegenheit gehabt hätte, effektiver mitzuarbeiten, in seinem Publikationsorgan nichts besseres zu sagen wußte, als wer alles nicht oder zu wenig berücksichtig worden ist. (Nun ja, was dem einen recht ist, ist dem andern Pilick).

Wie schon erwähnt, bestand meine Mitarbeit in der FVB hauptsächlich in der Schriftleitung der von ihr herausgegebenen Monatsschrift für religiöse Selbstbestimmung, dem "amtlichen Organ der FLGB: FREIE RELIGION, die ich durchgehend von März 1974 bis Juni 2000 innehatte. Mein Bestreben war, die Hefte nicht als Plattform eigener Vorträge, sondern als Forum der Mitglieder und Leser zu gestalten. In all den freireligiösen Zeitschriften davor ist kaum ein Leserbrief zufinden, in den 12 Jahren davor kein einziger. Schon ab Heft 6/1974 zeigten die Zuschriften, daß mein Konzept aufgegangen war. Vielleicht war es ein Fehler, daß ich fast nur die kritischen, also die Artikel ergänzenden Meinungen publiziert habe und nicht die lobenden, weil ich dachte, daß deren Verfasser ja ohnehin durch die betreffenden Beiträge auf ihre Kosten gekommen waren. So gab es denn zwar nicht die coincidentia oppositorum, den Zusammenfall der Gegensätze (wie Heinz Schlötermann gewünscht hatte), wohl aber oft den Zusammenprall der verschiedenen Überzeugungen.

Gewiß habe ich nicht vorsätzlich religiöse Gefühle verletzen wollen; wo mir aber solche in Verbindung mit einem Alleinvertretungsanspruch begegneten, habe ich sie gerne angegriffen und manchmal auch lächerlich gemacht, selbst und besonders wenn sie aus den eigenen freireligiösen Reihen kamen. Manche Überzeugungen werden nämlich als "religiöse" nur deswegen ausgegeben, weil man sich dadurch gegen Kritik immunisieren möchte. Immer wieder wurde beanstandet, die Zeitschrift habe ein zu hohes Niveau. Glauben Sie mir, ich habe mich redlich bemüht, durch Aufnahme von Artikeln anderer diesen Vorwurf zu entkräften; aber ich nehme die Kritik heute ernster als früher, denn sie zielt meines Erachtens auf etwas ganz anderes:

Ein Jahrtausend ist zu Ende gegangen, in dem wir Denken und Empfinden mehr und mehr getrennt und sorgsam darauf geachtet haben, daß uns beim Gefühl keine störenden Gedanken dazwischenkamen, daß in der Wissenschaft - nicht einmal in der Medizin!- die Emotionen nichts zu suchen haben. Nur durch exakte, sachliche Beweisführung sind wir intellektuell von einer Wahrheit zu Überzeugen. Machen wir uns nichts vor. Sogar die Religionen vertiefen diese Kluft. Da würde ich in Zukunft als Redakteur anders arbeiten. Diese späte Einsicht habe ich in der letzten Weihnachtsfeier - Sie sehen, ich komme immer wieder auf den Anfang zurück - so ziziert: Ohne Legenden und Einbildungskraft wäre das so, als wenn man nur feste Nahrung zu sich nehmen wollte. Nicht daß man davon alleine leben könnte. Das wäre so, als ob man auf feste Nahrung verzichten und sich nur von Wein ernähren wollte.

Was ist denn "sachliches Denken"? Doch ein auf die Sache bezogenes Urteil. Ausgerechnet die exakte Naturwissenschaft lehrt uns nun, Objekte eher durch ihre Beziehungen untereinander als durch ihre Eigenschaften zu interpretieren. Ein Elektron beobachten heißt, seine Position und seinen Impuls zu verändern. Unsere Verbundenheit mit der Welt geht weit über den Bereich des sogenannten " Objektiven " und des sinnlich Erfahrbaren hinaus...

Liebe Freunde, Bücher und Zeitschriften verlegen hat nichts mit Verlogenheit, sondern mit Verlegenheit zu tun, und in einer solchen befanden sich unsere Vorsitzenden und Lehrer, als sie nach dem 2. Weltkrieg keine Schulbücher für den freireligiösen Unterricht vorfanden. Dr. Alfons Meusel, damals im Prüfungsrat mitverantwortlich für meine Einstellung, hatte 1950 mit seinem in der FVB erschienenen Werk "Das freireligiöse Weltbild" die Grundlage geschaffen, die auch heute noch Gültigkeit besäße, wäre das Buch nicht vergriffen. Sie sehen, man kann sich an Büchern "vergreifen". 

Die Warnung vor bösen Büchern, die das Herz verderben und den Verstand verkehren, die zahllosen Kirchenverbote wider die ärgerlichen und schädlichen Bücher, angefangen vom Jahr 51 zu Ephesos über das Jahr 325 auf dem Konzil zu Nicäa zur Begründung des Index im 16. Jahrhundert, die alle Verbrennungen der mißliebigen Werke nach sich zogen, bis hin zur Encyclica Mirari vom 15. August 1832, in welcher die "zu verabscheuende Freiheit des Buchhandels, die viele mit äußerst verbrecherischem Eifer fordern und fördern" verurteilt wurde: Mit Schaudern und mit tränenden Augen sah der Papst damals aus Büchern, Broschüren und Schriften den Fluch über die Erde gehen und den Höllenpfuhl offen. (vgl. Freie Religion 9/78).

Ein Jahr nachdem ich diese Enzyklika in der FR abgedruckt hatte, wurde ich mit zwei evangelischen Theologen und dem Generalsekretär der IARF trotzdem zu einer Audienz beim Papst zugelassen ... Aus diesem Besuch im Vatikan 1979 ergab sich ein Austausch des Periodikums "ATEISMO E DIALOGO", herausgegeben vom "Segretariato per i Non Credenti", der ehemaligen Inquisitionsbehörde, mit dem amtlichen Organ der FLGB, FREIE RELIGION. Wer hätte das 1950 für möglich gehalten? 

Zum Dank habe ich in Heft 7/1980 einen anonymen Artikel veröffentlicht und Sie, die Leser, den Verfasser raten lassen. Vielleicht erinnern Sie sich: Der Text verurteilt die Praxis, "diejenigen, die mit den eigenen Meinungen nicht übereinstimmen, als Feinde zu bezeichnen...", nimmt die in Schutz, die sich auf ihre Gedankenfreiheit berufen, und betont:

"Wollen wir wirklich den Frieden? Dann müssen wir uns sehr tief in unser eigenes Wesen versenken, um jene Schichten zu entdecken, wo wir uns, jenseits aller Spaltungen in uns und zwischen uns, in der Überzeugung bestärken können, daß die grundlegenden Antriebe des Menschen, die Kenntnis seiner wahren Natur, ihn zur Begegnung führen, zur gegenseitigen Achtung, zur Brüderlichkeit und zum Frieden."

Für die richtige Lösung hätte es einen Preis gegeben: Ein Buch der FVB. Aber unter den zahlreichen Antworten war keine einzige richtige. Diese Worte stammen von Papst Johannes Paul II. (ich hätte damals doch, wie Heiner Keipp vorgeschlagen hatte, ein Beitrittsformular der FLGB mit nach Rom nehmen sollen). Aber Sie sehen auch, daß nichts mehr so ist wie 1845 oder 1950. Auch der freireligiöse Glaube kann, frei nach Bernhard Shaw, durch kein Bekenntnis, sondern durch die Beweggründe der persönlichen Handlungen festgestellt werden...

Heute sind die Leseimpulse geringer als bei der Gründung der FVB. Nur kurzfristig und mit großem Werbeaufwand können sie gesteigert werden, sind aber gewöhnlich überlagert von anderen Medienangeboten. Jeder dritte Deutsche hat in den letzten 12 Monaten kein Buch gelesen! Und der "Kurswert der Belesenheit" sinkt weiter. Der Buchhandel kann nur auf 12% der Gesamtbevölkerung als Stammkunden basieren. Konfessionslose und Freireligiöse besitzen allerdings dreimal soviele Bücher wie Katholiken. Letztere haben im Durchschnitt 74, die Protestanten 98 Bücher einschließlich Telefonbuch und Bibel, die Freireligiösen 180 (hoffentlich einschließlich der Produktionen der FVB). 28 % von uns nehmen durchschnittlich mehrmals pro Woche eines zur Hand, aber nur 16-18 % der Katholiken und Protestanten. Mehr als doppelt soviel Christen als Freireligiöse haben in den letzten 12 Monaten gar kein Buch gelesen. Wozu auch? Ihnen ist im Evangelium Lothar Matthäus ohnehin das Himmelreich versprochen worden. Unsere Wahrheit ist aber nicht in einem einzigen Buch versteckt. Trotzdem bleibt der Anteil der kaufkräftigen Stammkundschaft seit der ersten Marktanalyse von 1953 konstant bei 12 %, während sich der Anteil der Fernsehzeit seit 1960 vervierfacht hat. Aber wer von uns verzichtet eigentlich auf ein Fernsehprogramm, um zu lesen? Ist Lesen für uns noch ein elementares Lebensbedürfnis? Wenn ja, sollte die FVB in Zukunft nicht nur Sachbücher verlegen.

"Vorsicht Bücher!": Das Buch "Die Religionen der Völker" von Schlötermann ist für mich mehr als ein Buch, mehr als ein Schulbuch. Es ist eine freireligiöse Tat. Ein Zeugnis unserer Religion, die den Dialog, die im Andern das Eigene, im Fremden das einst Vertraute sucht und es deswegen zunächst einmal kennenlernen muß, um die Religiosität zu vertiefen, die hinter den so unterschiedlich erscheinenden Konfessionen liegt. Es ist eine Art Programm der freireligiösen Gemeinde, die heute wie einst zwischen der Masse der Gleichgültigen einerseits und dem Fundamentalismus andererseits ein Modell der Zukunft darstellt, weil es Begegnung und Dialog voraussetzt. "Die Religionen der Völker" vermittelt die Botschaft: Es gibt keine "Non-Credenti", keine Nicht-Gläubigen, sondern nur Anders-Gläubige. Es setzt also, um die laut Verfassung uns aufgetragene Verpflichtung, diese Religiosität zu pflegen und zu vertiefen, die Einsicht voraus, daß wir alle gegenseitig aufeinander angewiesen sind. Der Mensch ist der-Mensch-mit-dem-Menschen, sagt Martin Buber. 

Das ist eigentlich die wichtigste Einsicht, die ich in meiner Arbeit gewonnen habe, und die mich auch so lange hat aushalten lassen: Eigentlich wollte ich nämlich schon desertieren, bevor ich die erste Trauerfeier übernehmen sollte. Je öfter ich meinen verehrten Meister und Vorgänger Heinz Schlötermann auf Friedhöfe begleitete, desto größer wurde die Schwellenangst. Einmal saß ich neben ihm im sogenannten Pfarrerzimmer des ehemaligen Karlsruher Krematoriums, eher eine beengte Abstellzelle. Er überarbeitete seine Rede, während ich beklommen auf' zwei Behälter starrte, die vor uns auf dem Tischchen standen. Auf der einen Weinflasche klebte ein Etikett, auf dem stand "Weihwasser". Auf dem anderen Gefäß klebte ein Etikett, darauf stand "Essig". Schließlich fragte ich: "Herr Dr. Schlötermann, wozu braucht man auf dem Friedhof Essig?" Schlötermann ergriff das Gefäß, schüttelte es ein wenig und sagte: "Das ist kein Essig. Das ist Herr Essig!" Es war die erste Urne, die ich in meinem Leben gesehen hatte, und ich beschloß, einen anderen Beruf zu suchen.

(Bis heute nehmen mich Trauerfeiern mehr mit als alles andere. Jetzt wo ich aufhöre, kann ich es ja zugeben. Obwohl der Tod für mich so natürlich ist wie die Geburt, und obwohl es mir hin und wieder offenbar gelang, die Traurigen zu trösten, hat sich daran nicht viel geändert. Da helfen auch die Nachrufe nichts, die manchmal unfreiwillig komisch sind. Eines unserer Mitglieder war im Hasenverein. Bei der Trauerfeier sagte der Vorsitzende: "Durch seine züchterischen Erfolge und sein tierisches Verhalten ist unser Mitglied weit über Käfertal hinaus bekannt geworden. " 

Trauungen waren mir immer lieber. Die erste oder zweite ökumenische hat der katholische Priester, Dekan Ullrich, trotz Verbot mit mir in seiner St. Franziskus Kirche in Pforzheim für unser Mitglied Thomas Herfurth und seine katholische Braut vorgenommen. Seitdem habe ich die Konsenserklärung aus der katholischen Liturgie auch in die freireligiöse Zeremonie übernommen. Dekan Ullrich hatte vorgeschlagen, daß die drei Fragen (habt Ihr Euer Gewissen geprüft und seid Ihr frei und freiwillig hierhergekommen, um ... ; seid Ihr bereit, Euch zu lieben und die Treue zu halten, bis daß der Tod Euch scheidet, seid Ihr bereit, die Kinder... anzunehmen und katholisch zu erziehen, wie es die Pflicht katholischer Eltern ist) von ihm an die katholische Braut und von mir an den freireligiösen Bräutigam gestellt werden sollten. "Damit kriegen die beiden aber ein Problem", meinte ich, "wenn Sie die Mutter auf eine katholische und ich den Vater auf eine freireligiöse Erziehung der gleichen Kinder verpflichten." "Ach", meinte Ullrich, "wenn die beiden verheiratet sind, haben sie so viele Probleme, da kommt es auf eins mehr oder weniger auch nicht an." Wir haben uns dann auf eine Kompromiß-Formel geeinigt. In der Schloßkapelle der Burg Lahnstein mit einem Fürsten als Trauzeugen habe ich die erste illegale Trauung vollzogen, weil das Paar nicht vorher standesamtlich geheiratet hatte. (Der Straftatbestand ist hoffentlich verjährt.) 
Besonders gerne habe ich Taufen und Jugendweihen gefeiert...

Ich selbst habe immer an die Empfehlung von Sokrates geglaubt, der Mensch, namentlich der philosophierende, müsse sterben lernen, fähig werden, das Erstarrte und Gewohnte zu überschreiten. Die freie Religion hat ja einen werdenden Gott. Diese Religion ist der Mittelpunkt, der mich mit Ihnen verbindet über diesen Abschied hinaus. Sicher, "partir c'est mourir un peu." Doch es gibt ja soviele Abschiede in Baden, daß ich mich daran wahrscheinlich gewöhnen kann: Am 3.6. in Pforzheim bzw. auf dem Schiff nach Speyer, am 2. Juli in Heilbronn, am 23. Juli in Karlsruhe..., die Verabschiedungstermine im nächsten Jahr kenne ich selber noch nicht. Herr Schöttle meinte: "Kaum sind Sie verabschiedet, erscheinen Sie wieder woanders. Ist das freireligiöse Reinkarnation?" Sie kennen die Verse von Wilhelm Busch:

"Die Lehre von der Wiederkehr
Ist zweifelhaften Sinnes,
Es fragt sich sehr ob man nachher 
Noch sagen kann: Ich bin es
. "

Aber Spaß beiseite. Ich bin ein Ausscheidungsprodukt. Ich scheide aus dem Dienst. Und das kann ich nicht anders, als indem ich mich bedanke. Mein Dank geht an Rainer Schrauth, Karl Heinz Schneider, Oberstudiendirektor Jürgen Ries und Landesprediger Lasi, die vorhin so nachsichtig über mich gesprochen haben, aber auch an frühere Vorsitzende, Gemeinde- und Landesgemeinderäte, an all die Ehrenamtlichen, die niemand auszeichnet für ihre selbstlose Arbeit, ohne die aber ein Prediger wäre wie ein Klöppel ohne Glocke. Das gilt nicht nur für die unermüdlichen Helfer in Karlsruhe. Mein Dank geht an die nicht- freireligiösen, an die atheistischen, evangelischen, katholischen, moslemischen, buddhistischen und naturwissenschaftlichen Freunde, die meine Arbeit und meinen Weg kritisch begleitet haben und von denen ich so viel gelernt und profitiert habe! Und natürlich an die Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich viel zu wenig Zeit zum Gedankenaustausch verbracht habe. Ich erinnere mich noch gut, wie ich beim ersten Pfarrertreffen meinen Kollegen Helmut Manteuffel in Offenbach bewundert habe wegen seiner Kenntnisse einerseits und seines tiefen Verständnisses, was die Probleme der Gemeinden, der Ehrenamtlichen und der Mitglieder, und die Rolle des freireligiösen Pfarrers in diesem Parallelogramm der Kräfte betrifft.

Durch viele Familienfeiern habe ich so viele von unseren Mitgliedern begleitet und dadurch eine Verbundenheit erfahren, daß ich tatsächlich die Grenze zwischen Amt und Privatsphäre oft nicht mehr ziehen konnte. Der Abschied ist also eine Verabschiedung aus dem Amt, die Beziehungen werden dadurch hoffentlich nicht gekappt.

Ich muß an dieser Stelle auch meiner Gefährtin Pia danken, die die meisten Telefonate beantwortet, meine Artikel, Briefe und Reden tippt und kommentiert und meine gravierenden Fehler verbessert. Es muß ja in einer Beziehung ein stetes Geben und Nehmen herrschen. Damit diese Harmonie bei uns gewahrt bleibt, habe ich mich auf das Nehmen beschränkt, um keine Verwirrung aufkommen zu lassen.

Mein Dank geht an Gabina (wir waren bis 1985 verheiratet) und an unsere Tochter Stephanie - allerdings mit tiefen Schuldgefühlen verbunden, weil ich den Dienst immer über die Familie gestellt habe: Außer im Urlaub gab es bei über 30 Sonntagsterminen nur zwei oder drei freie Wochenenden im Jahr ohne Ausgleich an Werktagen (vormittags Trauerfeiern bis zu 130 und mehr in elf Monaten waren keine Seltenheit , nachmittags Unterricht, abends Vorträge oder Sitzungen). Ihr, Gabina und Stephanie, habt 15 Jahre die Folgen ge- und mich ertragen. Ich habe drei bis viertausend Kilometer jeden Monat im Auto gesessen, dabei 6 Unfälle überlebt und einen Zahn verloren (damals kam unter meinen Freunden die Redewendung auf: "Er fährt wie ein gesengter Pilick"), und seit Beginn meiner exakten Buchführung ab dem Jahre 1976 anläßlich der Taufen, Trauungen, Jugendweihen oder der Seniorennachmittage 3896 Stück Kuchen aufgegessen, ohne Gefahrenzulage zu verlangen. Allein 731 Stück Frankfurter Kranz! (Ich denke, meine Nachfolgerin wird mir nacheifern?)

Danken möchte ich den ehemaligen und aktiven Mitarbeitern in der Verwaltung, Sieglinde Duda und Monika Hald, Barbara Kappelmann und Joachim Koch, die unermüdlich und gewissenhaft im Hintergrund wirken und auf die wirklich immer Verlaß gewesen ist. Desweiteren den Gesinnungsfreunden in der Pfalz, in Offenbach und Wiesbaden, in Darmstadt, in Bremen, Leer und Hannover, Stuttgart, Göttingen, Nordheim und in Brandenburg, Pinneberg, Kassel und anderswo, die mich zu Vorträgen eingeladen haben; mit vielen verbindet mich eine dauernde Freundschaft. Alle Freunde und Feinde bitte ich um Verzeihung für meine oft absichtlich oder unbedacht verletzenden Worte. Es tut mir leid. Ich würde es bestimmt wieder tun.

Was wäre ich ohne die Mitglieder von Lörrach, Schopfheim, Konstanz, Freiburg, Offenburg, Pforzheim, Heilbronn, Karlsruhe (ich bin stolz, daß unser Mitglied Hanne Landgraf Ehrenbürgerin dieser Stadt ist), Weinheim, Schwetzingen, Heidelberg, Tübingen und natürlich Mannheim. Ich bin immer sehr gern gekommen.

Man spricht so oft von eigengewachsenen Überzeugungen. Aber durch wen sind sie gewachsen? Doch durch Gespräche und Diskussionen, Auseinandersetzungen und Zusammen-Sitzungen, auch durch die Kinder im Unterricht. Ich habe in Ihren Gedanken, in Ihrer Lebenserfahrung lesen dürfen, wie in einem Buch. Natürlich kann ich nicht immer genau den Anteil bestimmen, der auf jede einzelne Person zurückgeht; das wäre ja so, als könnte man alles, was man je gehört und gelesen, auch behalten; das wäre so, als wenn ich all die Schwarzwälder Kirschtorten, die ich je gegessen habe, noch in mir trüge (von 1976 bis 1999 waren es 887 Stück). Ich habe geistig von den Büchern und den Begegnungen mit Ihnen gelebt, ich bin dadurch geworden, was ich bin und was meine Religiosität ausmacht. Die Bücher der FVB haben mir das Tor zum Haus der freien Religion geöffnet. Aber Sie sind und Ihr seid dafür verantwortlich, daß ich drin geblieben bin. Ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden und möchte es bleiben!
Also, Wie die Moslems zu sagen pflegen und die Mannheimer: Alla! Auf Wiedersehen. Und schöne Weihnachten! 

ECKHART PILICK

Wege ohne Dogma. Heft 9/2000