Religion ohne Kirche

Rede anläßlich des 70. Geburtstages von Heinz Schlötermann auf dem Landestreffen der FLGB am 17. Juni 1983

"Am Anfang war die Erde wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte auf den Wassern." Aber einen allerersten Anfang gibt es nicht - nur Fortsetzung. Es gibt kein absolutes Ende - nur Übergang und Umwandlung.

Die Genesis ist insofern ein Neuanfang, als eine ältere Kosmogonie unterdrückt oder doch abhanden gekommen war -ein Denken, in dem nicht Gott (als nomen und Vater aller Dinge) in der Höhe über der Erde und den Wassern schwebt, sondern Gott (als numen) in der Tiefe wohnte; in der Teamat, das chthonische Prinzip in der Welt, verehrt und die Offenbarungen des Göttlichen nicht von der Wirklichkeit getrennt waren.

Die Symbole des Tellurischen im Gottesbild des Alten Testaments legen ein frühes Zeugnis ab von der Verdrängung der anima und der wachsenden Entheiligung des stofflichen, der Vergegenständlichung unserer Welt als Durchgangsstation und der Entgöttlichung der Materie - in der freilich noch die Magna Maler versteckt wohnen blieb, allerdings dazu bestimmt, untertan zu sein, so wie es die Frau dem Manne sein sollte.

Oberbürgermeister Gerhard Widder im Gespräch mit Renate Freiberger und Dr. Pilick

Mag sein, daß dieses Denken Voraussetzung gewesen ist für den gewaltigen Aufschwung der Naturwissenschaften im christlichen Abendland, weil die entseelte Natur, die nichts Göttliches mehr barg, zum Sezieren, zum Vermessen und zum Ausbeuten frei gegeben wurde.

In der Abspaltung des Heiligen vom Profanen spiegelt sich die Trennung des rationalen Verstandes von der Mächtigkeit des Unbewußten, das mit Aggressionen beladen seinen analogen Ausdruck fand in jenem mißverstandenen Heraklitsatz, demzufolge nicht nur Gott, sondern gleichermaßen der Krieg als Vater aller Dinge angesehen wurde. Tatsächlich ist diese Kosmometaphysik bis in unser Jahrhundert "fruchtbar" geblieben - mit all den bekannten katastrophalen Folgen.

Die Freie Religion - wie sie vor allem in den letzten drei Jahrzehnten von Heinz Schlötermann vertreten wurde hat nun aus dem nomen wieder ein numen gemacht: in Gott nicht die Person, nicht den Vater und Schöpfer der Welt, sondern das Wesen der Weit gesehen und so die abhanden gekommene Lehre von der Einheit des Menschen und der Natur wieder zu neuem Leben erweckt - gewiß nicht durch Rückkehr, sondern durch Einbeziehung der ratio in die religio, durch die Versöhnung von Vernunft und Mystik.

Wenn Du, lieber Heinz (in kongenialer Zusammenarbeit mit Deiner Dich stets ergänzenden und unterstützenden Frau Lilo Schlötermann!), nichts anderes getan hättest in Deinem Dienst als Landesprediger und Lehrer, als Autor von Büchern, Rundfunkreden und Beiträgen in der Freien Religion, den "Kantstudien" oder der "Zeitschrift für philosophische Forschung", als Dozent oder Seelsorger; wenn Du, sage ich, nichts anderes getan hättest als dieses abhanden gekommene Denken zu lehren und zu verkünden - wir hätten Dir heute zu danken wahrhaftig Grund genug.

Wenn dadurch die Religiosität wieder zu ihrem Eigenrecht gelangt und von der Kirche befreit wurde, so soll unter "Kirche" nicht die Gemeinschaft von Menschen verstanden werden, die für die Dritte Welt arbeiten und für den Frieden, sondern Kirche in ihrem ursprünglichen Sinn als "kyriakon" - als zum Herrn gehöriges Haus. Unser Gott ist kein Herr, auch keine Dame, unsrer ist überall - darum braucht er kein eigenes Haus.

Ohne Kirche konnte das Göttliche wieder in die Natur und in die Menschen Gefäße des Ewigen -zurückkehren. Die Erde wird zur Heimat. Das Dasein des einzelnen fühlt sich aufgehoben und geborgen in einem Strom ewigen Lebens, als Teil einer urschöpferischen Mächtigkeit, die unberührt bleibt von Entstehen und Vergehen. Diese Deine Gedanken sind fast schon Allgemeingut bei den Freireligiösen Badens (und das will bei diesen ungehorsamen Individualisten schon viel heißen!). Die Genesis hat in unserer Freien Religion ihre Bedeutung als einmaligen in sich abgeschlossenen Akt in der Vergangenheit verloren - längst übrigens bevor der kritische Rationalismus den philosophischen Nachweis liefern konnte, daß derlei Letztbegründungsversuche sich sowieso nicht mit dem unvoreingenommenen Forschen nach Wahrheit vereinbaren lassen. Die Genesis erscheint in unserer Religiosität als fortwährender Prozeß, dessen Teil wir sind, in denen sie zum Bewußtsein ihrer selbst gelangt.

In einer Zeit der Herrschaft von Funktionseliten, wo die, die Bescheid wissen, nicht die sind, die auch entscheiden; in einer Zeit der Trennung von Wissenschaft und Politik, Religion und Denken, wiedergespiegelt in der Trennung von Gott und Weit, da müsse dieses Denken - betonte ein Kommentator am vergangenen Montag im Rundfunk zum Ev. Kirchentag - das abhanden gekommen sei, mühsam wieder entdeckt werden.

Es ist in der Freien Religion seit jeher lebendig geblieben und von Dir, Heinz Schlötermann, ständig vertieft worden. Es hat den Zusammenhang bewußt gemacht zwischen der Zerstörung der äußeren Natur und der Zerstörung der menschlichen Natur und nie die Illusion teilen können, die Zerstörung unserer äußeren Lebensgrundlagen aufhalten zu können ohne gleichzeitig jede Form der Ausbeutung des Menschen abzuschaffen. Das religiöse Bewußtsein wird sich wandeln müssen. Denn hier liegt die Kraftquelle, die den Menschen motiviert und anspornt, Ziele zu verfolgen und sich identisch zu fühlen mit den Werten, die niemals um eines Gottes oder irgendeines anderen willen, sondern rein aus sich selbst heraus wertvoll sind.

Aber was ist denn nun freireligiös? Woran glaubt Ihr denn? wird man immer wieder gefragt - oft von den Angehörigen zehn Minuten vor einer Trauerfeier. Als wenn unsere Gründer eine neue Sekte hätten stiften wollen. Wer so fragt, will ein paar Vokabeln hören, die er sowieso schon kennt, oder den Namen eines Religionsstifters hören, dem wir im Personenkult nachfolgen oder dergleichen. Die Frage: "Was glaubt Ihr?" muß von Freireligiösen übersetzt werden und lautet dann immer: "Wie lebt Ihr?".

Du, lieber Heinz, gehörst zu den Gründern der Freien Religion, - die eine geistige Haltung ist, die ebensowenig einen allerersten Anfang hat, sondern weit bis in graue Vorzeit zurückreicht, in der deutschen Aufklärung und der Klassik zum Vorschein kommt, wodurch die deutsche Geistesgeschichte in die Periode des Heidentums eintrat; die nur als Organisation unter diesem Namen erst gute hundert Jahre alt ist - Du gehörst zu den Gründern in der Nachfolge von Wislicenus, Rupp, Drews, weil sie selber ein Prozeß ist, der nicht abgeschlossen ist und sein will.

Man kann sich wandeln, wenn man tiefe Wurzeln hat. Daß die Freireligiöse Landesgemeinde Baden zu einer funktionsfähigen Einheit geworden ist, in der dennoch alle einzelnen Gemeinden souverän sind, ist Dein Verdienst gewesen. Du wolltest nie einer jener selbsternannten Lichtbringer sein, die eine Fackel anzünden und vor den Menschen hertragen und wie ein Messias sagen: "Siehe, ich mache alles neu!" Du hast vor 14 Jahren in einer Feierstunde gesagt: " ... falsche Autoritäten haben den Menschen von der Religion und damit von dem Grunde der eigenen Existenz getrennt, indem sie versucht haben, Dogmen zu errichten, Dämme und Wälle aufzubauen gegen das eigene, individuelle religiöse Erleben des Menschen, gegen den Versuch des einzelnen, eine eigene Verbindung zum Urgrund des Ganzen und zum Sinn des Lebens zu finden."

So wie ethische Werte nicht als wertvoll gefühlt werden können, wenn sie auf dem Machtanspruch eines anderen gründen, so ist (nach den Worten des unitarischen Predigers Ralph Waldo Emerson) "der Glaube, der auf Autorität beruht, kein Glaube. Die Bedeutung der Autorität ist das Maß für den Verfall der Religion." Du selber warst als Prediger eine Autorität, aber eine, die Dir nicht kraft Amtes zugeschrieben wurde, sondern die Du Dir erworben hast. Anfang 1970 sagtest Du: "So ist der Prediger ein Mensch, der etwas zum Ausdruck bringt, das uns in unsern freireligiösen Gemeinden beschäftigt. Er ist keine Autorität in Sachen des Glaubens..., die doch immer nur der innersten, eigensten Oberzeugung des einzelnen Menschen entsprechen und entspringen kann."

Wir Freireligiösen "sehen diese Autorität nicht mehr in irgendeinem Amt eines Priesters oder Pfarrers oder in einer Institution, sondern Autorität ist allein möglich in der geistigen Kraft des menschlichen Denkens."

Heinz Schlötermann hat uns gern in einen dunklen Tunnel geführt ohne Fackel. (Ich denke dabei nicht an den Unterschied von Philosophie und Theologie: Bekanntlich ist Philosophie, wenn man in einem dunklen Tunnel eine schwarze Katze sucht; Theologie ist, wenn man in einem dunklen Tunnel eine nicht existierende schwarze Katze sucht- und sie dann auch noch findet.) Nein, wenn ich sage, Du hast uns in einen dunklen Tunnel geführt, meine ich, daß Du uns die Kunst des Zweifelns ohne zu grübeln gelehrt hast, denn in der Religion ohne Kirche ist der Zweifel keine Erbsünde, sondern die Erbtugend. Wer nicht zweifeln darf (an einem Dogma beispielsweise), weil es sündig ist, wird den Zweifel, den er nicht dulden darf, aber auch nicht los werden kann, auf den Menschen übertragen, der zweifelt, und diesen verteufeln oder totschlagen, da er den Zweifel in sich nicht totschlagen kann. Du hast uns in einen dunklen Tunnel geführt ohne Fackel. Damit meine ich, daß Du in die Tiefe des eigenen Selbst hinführen und auf das Licht in uns hinweisen wolltest.

In Deiner Feierstunde "Selbstentfremdung - Selbstbegegnung" hast Du Buddhas Wort: "Richtet euch nicht nach Hörensagen, nicht nach einer Oberlieferung ... sondern suchet stets in euch selbst eure rettende Insel, in euch selbst eure Zuflucht", den Jugendlichen zugerufen: "Und das ist das einzige, was auch wir heute sagen und raten können. Jeder ist auf sich selbst gewiesen ... an das in der Tiefe seines eigenen Lebens wesende Sein, an jenen schöpferischen Lebensfunken, aus dem alle Dinge entstanden sind ... " und Du hast bekannt: " ... ich glaube, nur so ist Selbstbegegnung möglich, daß der einzelne diesen Weg zu seiner schöpferischen Mächtigkeit in der Tiefe seines eigenen Lebens geht, daß er sich fragt: Wo habe ich noch die Verbindung zum schöpferischen Lebensimpuls, wo ringe ich im täglichen Dasein wirklich um das, was mich ernsthaft angeht, was mich im Innersten beschäftigt?"

Man hat Heinz Schlötermann damals wegen solcher Äußerungen vorgeworfen, er stoße den Menschen von sich, weise ihn zurück. In gewisser Weise stimmt das (nicht daß Du irgendjemand im Stich gelassen oder abgewiesen hättest, der Deine Hilfe gebraucht hätte, ganz im Gegenteil!). Aber Du bist nie müde geworden, dem einzelnen zu sagen:

"Du selbst besitzt in dir die Möglichkeit zur eigenen Lebensgestaltung. Du besitzt die eigenständige Fähigkeit zum Denken. Es kommt allein auf dich an."

Ja, Du hast sogar in einer Silvesteransprache in Freiburg ausgerufen: "Es bleibt deshalb mein Bestreben, jede (antiautoritäre) Regung zu unterstützen, um Autorität im einzelnen Menschen wachsen zu lassen, auf daß ein jeder eine eigene Autorität wird und fähig ist, sich selbst Befehle zu erteilen und sich selbst zu gehorchen."

Du wolltest und konntest dem einzelnen Mut machen und in ihm Vertrauen zu sich selbst und den schöpferischen Kräften in sich wecken, die ihm ermöglichen, über den "gegenwärtigen Zustand hinauszuwachsen", und du hast so manch Verzweifeltem geholfen, indem Du dem einzelnen die Dignität des Schöpferischen zuerkannt hast.

Man hat Heinz Schlötermann dann wegen solcher Äußerungen vorgeworfen, er verkenne die gesellschaftlichen Bedingungen der Möglichkeit eines selbstbestimmten Daseins; er predige den narzistischen Rückzug ins Private. Ich muß hier auf einen wenig bekannten Schlötermann zu sprechen kommen, der seinerzeit nicht zur Geltung kam, wenn er gleichwohl eindringlich hinwies auf genau diese Gefahr und sagte: " ... wir sind keine Insel in dieser Welt, die sich zurückziehen kann aus Krieg und Sklaverei ... "

Oder wenn er von seinen eigenen Gemeindemitgliedern forderte, nicht gläubig zu folgen, sondern durch eigenes Nachdenken dem einzelnen zu helfen, "seinen eigenständigen religiösen Weg zu finden. Das aber ist nur möglich"- so in ‚Autorität - Tradition - Fortschritt'- "wenn er ungehorsam ist, wenn er sich empört und auflehnt gegen Institutionen und überkommene Gebräuche, wenn er selbst beginnt, ein Neues zu schaffen."

Ich möchte hier vorlesen, was Du 1970 im Januar sagtest, als ich nach Baden kam: " ... ich weiß, daß unser Traum von einer besseren Welt, die wir in der Zurückziehung von der Welt schaffen wollten, nicht nur Illusion war, sondern - wenn ich einmal ganz ehrlich sein darf - Verrat an dieser unserer Welt." Und: "Wir können diese Liebe im Menschen nicht wecken und den einzelnen zu einem aus Liebe handelnden Wesen machen, wenn wir uns auf eine Hippie-Insel zurückziehen . . ., uns in eine Religion reiner Innerlichkeit zurückziehen, in der kein Außen mehr existiert - in der wir die Welt den andern überlassen. Eine solche Haltung ist krasser Egoismus. Nein, wir können diese Welt des Profits nur verändern, wenn wir bereit sind, in dieser Welt zu wirken, wenn wir bereit sind, in ihr zu arbeiten und ein Vorbild zu geben für wahres Leben, für ein Leben, das sich der schöpferischen Impulse bewußt ist, die in diesem Leben wirksam sind."

Ich hoffe, gezeigt zu haben, daß hier kein Bruch vorliegt, sondern eine folgerichtige Linie, die von der Schlötermannschen Mystik in tätiges Leben führt, von dieser wieder in eine tiefere Dimension.

Heinz Schlötermann hat schon 1967 dazu aufgefordert, nicht nur die Wahrheit zu erkennen und auszusprechen ... Darum hast Du Dich ja auch selber bemüht: Bevor der Welt die Augen aufgingen, hast Du die Priesterherrschaft im Iran analysiert und jene Befürchtungen ausgesprochen, die später wirklich wurden. Allerdings kamst Du zu früh, und der SDR zensierte Deine Rundfunkrede. (Es war vor der Besetzung der amerikanischen Botschaft.)

Wir Freireligiösen sind besonders sensibel gegenüber dogmatischen Systemen. Allzulange hatten hierarchische Strukturen die Religiosität monopolisiert. Systeme bilden Grenzen, sie grenzen den Menschen vom Leben ab, oder von anderen Menschen.

Wir Freireligiösen heute fühlen uns gestärkt durch Deine Worte: " ... wir sehen die Gefahren, die dem Menschen drohen, und verzweifeln dennoch nicht, weil wir im Menschen ein Etwas entdeckt haben, das uns Hoffnung gibt. Ich habe es ‚transzendierende Spontaneität' genannt ... : In uns bricht immer wieder ein spontaner Wille zum Dasein auf, wir werden plötzlich von einer inneren spontanen Mächtigkeit in uns getroffen, die uns zuweilen einen Weg schreiten läßt, auf dem wir alle Rücksicht auf Erfolg und Ansehen vergessen. Es ist ein Aufbruch aus der Tiefe eines Seins in uns, die tiefer ist als unsere rationalen Überlegungen."

Wir fühlen uns verstanden, wenn Du sagst, es genüge nicht, die Wahrheit zu erkennen und auszusprechen, sondern es gelte, Bundesgenossen zu finden. (Mit einer zeitlichen Verschiebung werden diese Worte von 1967 jetzt, 1983, zum Thema einer Wochenendbegegnung gemacht!)

Wenn diese Religion ohne Kirche, dessen Architekt Du warst, die andern abhanden kam, nun tatsächlich wiederentdeckt wird - dann können auch die echten Protestanten in den Kirchen wieder unsere Bundesgenossen werden im Kampf gegen die Verschleierung der Wahrheit durch die Sprache (was uns die größte Angst macht nennt man "Sicherheitspolitik". Was ein Schandfleck an unserem Gesellschaftsgebäude ist und verschwinden muß, damit es nicht zusammenstürzt, wird "Arbeitslosensockel" genannt. Der Abraum, wo das übelste Gift, das die Menschheit je gekannt hat, lagert, heißt "Entsorgungspark". Vorrüstung wird "Nachrüstung" genannt; gegen die Verdummung mit dem schwer zu durchschauenden Trick der angeblich einzigen Alternative (Raketen - oder Sklaverei; Kernkraft oder die Lichter gehen aus; Umweltverschmutzung - oder Arbeitslosigkeit; also: wählt zwischen Hunger oder Krebs); -. . . Bundesgenossen im Kampf für Selbstbestimmung, Menschenrechte und Frieden. Wir wollen ja nicht, daß die Menschen aus der Kirche austreten. Wir sind weder eine anti- noch eine nicht-christliche Religionsgemeinschaft, sondern wir sind eine post-christliche Religionsgemeinschaft. Die Kirche ist durch die Diffamierung alternativen Denkens immer noch in einer tiefen Legitimationskrise, in der nur Abbau hierarchischer Strukturen sowie der damit verbundenen Immunisierungsstrategien und des klerikalen Auslegungsmonopols religiöser Bedürfnisse weiterhelfen können - kurz: freireligiöse Elemente.

Das Motto des Ev. Kirchentages hieß "Umkehr zum Leben". Wenn Nietzsche recht hat und Heiden alle die sind, die Ja zum Leben sagen, kann man dieses Motto als Umkehr zum Heidentum, zur Diesseitsfrömmigkeit verstehen, die so lange abhanden gekommen war, und aus der eines Tages so etwas wie die "Weltinnenpolitik" erwachsen mag (Weizsäcker).

Schlötermann sagte: "Wir sind im Bunde mit allen, die dazu beitragen, durch unsere Arbeit diese Weit der Ungerechtigkeit in eine Welt der Gerechtigkeit zu verändern." (1970).

Dein Anliegen war die Religion. Wir wissen, daß Marx im Irrtum war, wenn er glaubte, sie verschwinde mit wachsendem Wohlstand. Dieser Religionsbegriff ist eine Verkürzung der Religion auf Tröstungen, da, wo politisch verändert werden muß; auf Illusion, wo es nichts wichtigeres gibt als die Realität zu erkennen; auf Nachfolge, wo es eigentlich um das eigene Selbst geht.

Die religiöse Haltung und Weiterentwicklung ist immer Dein eigentliches Anliegen gewesen, nicht aber politischer Aktionismus.

In unserer Religion gibt es Gemeinschaft -aber keine Kirche. Es gibt tiefe Oberzeugungen - aber keine Dogmen. Es gibt Offenheit - aber kein abgeschlossenes System. Es gibt politische Verantwortung - aber keine Parteipolitik. Du warst gegen eine Politisierung der Religion, aber Dir war bewußt, daß aus dieser Kraftquelle Impulse hervorgehen müssen, die weit in die Gesellschaft wirken und Spuren hinterlassen.

Die Geschichte der Freireligiösen Bewegung ist eng verknüpft mit der Geschichte der Freiheit und Emanzipation. Als Religion der Selbstbestimmung kümmerte sie sich zuerst um die, die von ihr am weitesten entfernt gehalten wurden: Die Kinder, die Frauen, die Arbeiter.

Freireligiöse haben nicht politisiert, sondern neue Formen geschaffen, die dann ein Politikum wurden. Sie bildeten die ersten demokratischen Organisationen in Deutschland.

Sie haben als erste das Frauenstimmrecht eingeführt. In Baden waren es Freireligiöse, die im zermürbendem Kampf mit der Zensur die beiden radikal-demokratischen Zeitungen im Vormärz herausgaben (das "Mannheimer Journal" und die "Seeblätter" in Konstanz). Ein Freireligiöser hat zum erstenmal die Republik ausgerufen. Die erste Frauenhochschule ist 1845 in einer Freien Gemeinde ins Leben gerufen worden, ebenso der erste Kindergarten, der nicht nur Aufbewahrungsanstalt war. Die freireligiösen Schriftsteller Dr. Bruno Wille (er war auch Sprecher in Berlin) und Wilhelm Bölsche gründeten die Freie Bühne in Berlin (von der wichtige Impulse für Theater und Literatur ausgingen).

Was heute Bestandteil des Grundgesetzes ist, haben Freireligiöse, die vom Volk 1848 in die Paulskirche gewählt wurden, als erste auf ihre Fahnen geschrieben: Als Grundrecht aller Deutschen die volle Glaubens- und Gewissensfreiheit; volle staatsbürgerliche Rechte und Pflichten ohne Rücksicht auf die Religionszugehörigkeit; Abschaffung der Staatskirchen, der geistlichen Schulinspektion, Einführung der Zivilehe.

Und dabei haben die Freireligiösen niemals mehr als 100.000 Mitglieder gezählt. Aber - wie Erich Fromm sagt schon oft sind wichtige Impulse aus kleinen Gemeinschaften hervorgegangen, die eine Idee hochhalten ohne Rücksicht darauf, wie viele mitmachen. Auch der Historiker Toynbee hat darauf hingewiesen, daß Neuentwicklung stets aus den Reihen der Minderheiten kommen. Diese freireligiöse Minderheit wurde durch das Scheitern der 48er Revolution mehr als dezimiert.

Heute, wo wir der 300 Jahre deutscher Auswanderung nach Amerika gedenken, darf ich daran erinnern ... *)

"Die Demokratie leidet in der Bundesrepublik darunter, daß sie sich auf keine Tradition berufen kann", hörte ich von dem Politologen Karl Graf von Krokow in der Fernsehsendung "Soll sich die Bundesrepublik feiern?" am 23. Mai. Es ging darum, ob man den heutigen Feiertag, den 17. Juni, abschaffen und stattdessen den Tag der Verfassung - den 23. Mai - feiern soll.

Nun, das Wissen scheint abhanden gekommen zu sein, daß die Freireligiöse Bewegung gegen den Widerstand anderer, mächtiger Organisationen, die sich heute über den Verlust ihrer Glaubwürdigkeit wundern, unverändert und ungebrochen die demokratische Idee - auch praktisch - durch alle geschichtlichen Brüche durchgehalten hat und ihre staatliche Anerkennung unmittelbar auf 1848 zurückführt. Gerade die Schrumpfbürger, die alle Vierteljahrhundert ihr Mäntelchen wenden und notfalls auch schon mal den Wind selber machen, nach dem sie ihn drehen, sollten daran erinnert werden, daß wir schon für Demokratie eingetreten sind, als die andern noch nach dem Kaiser riefen. Bei allen Veränderungen ist diese demokratische Struktur in den freien Gemeinden niemals angetastet worden.

Dein Anliegen - Du hast es leidenschaftlich vertreten - war die religiöse Vertiefung in gottloser Zeit. Wer zu uns kommt, kommt deswegen - sonst ginge er in eine Partei. Wir müssen offen sein und sind es auch für Anhänger aller demokratischen Parteien. Wie sollten wir auch sonst Toleranz unter uns üben können.

Dennoch ist die Freie Religion auch jener Bereich, der geistige Überbau, der zu allererst gesellschaftliche Reformen rechtfertigt, aus der jene transzendierende Spontaneität aufbricht, die Rettungsanker sein kann und notwendig wird gerade dann, wenn wir verhindern wollen, daß die Erde am Ende wieder so sein wird, wie sie am Anfang war: wüst und leer.

Lassen Sie mich darum die Laudatio schließen mit den Worten Tagore's, die Dr. Schlötermann zur Eröffnung des 20. IARF-Kongresses in Boston gesprochen hat:

"Wo der Geist ohne Furcht ist, wo man das Haupt hoch trägt, wo Erkenntnis frei ist, wo Worte aus Tiefen der Wahrheit kommen, wo unermüdet das Streben den Arm der Vollkommenheit ausstreckt, wo der klare Strom der Vernunft seinen Weg nicht verliert in dem trockenen Sand der Gewohnheit, wo der Geist zu immer sich weisendem Denken im Handeln geführt wird zu diesem Himmel der Freiheit möge unsere Welt erwachen! "

*)Die Ausführungen über die deutschen Auswanderer nach Amerika folgen in einem der nächsten Hefte. Die Red.

ECKHART PILICK

Freie Religion. Monatsschrift für religiöse Selbstbestimmung. Heft 8/9. Mannheim 1983